Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Holk Freytag las in Imshausen Gedichte gegen das Vergessen

Zeugnisse des Schreckens und der Hoffnung

Von Ute Janßen

Der Schrecken von Vernichtung, Tod und Gefangensein im Zuchthaus oder im Konzentrationslager und die Poesie – das sind zwei scheinbar unvereinbare Pole. Und doch sind in Lagern und Gefängnissen Texte, Lieder und Gedichte entstanden, die die Stimmen der Opfer direkt und eindringlich hörbar machen. Den Opfern im Umfeld des Gedenktages an die Reichspogromnacht ein Sprach-Denkmal zu setzen hatten sich die Stiftung Adam von Trott und der Kulturzug Bebra in ihrer gemeinsamen Lesung „Lyrik gegen das Vergessen“ im Imshäuser Herrenhaus vorgenommen. Und dieses Ansinnen, das zunächst so unmöglich erschien, entwickelte sich zu einer eindrücklichen, stillen und besonders intensiven Synthese aus Text und Musik.

Petra Dippel-Günther vom Kulturzug, von der die Initiative zu dieser Lesung ausging, würdigte die Verdienste des Germanisten Michael Moll, der gemeinsam mit der ehemaligen Europa-Abgeordneten Barbara Weiler die Anthologie „Lyrik gegen das Vergessen“ herausgegeben hatte. Die hier gesammelten Texte seien wichtige Zeugnisse der Opfer, von denen viele mit der Sammlung und Veröffentlichung der Texte Stimme und Muttersprache zurückgewonnen hätten.

Christoph-Alexander Kriefall an der Gitarre und Holk Freytag in Imshausen.

Holk Freytag, der seit September auch dem Vorstand der Stiftung Adam von Trott angehörte, verlieh den Gedichten, die ausnahmslos in Konzentrationslagern und Gefängnissen entstanden Plastizität und Rhythmus. Ihm gelang es, die Texte in ihrer Schönheit und ihrem Schrecken zum Leben zu erwecken. Und Freytag hatte sich damit auf keine leichte Aufgabe eingelassen: Einige der Texte enthielten drastische Beschreibungen des Lebens und Sterbens in Lagern und Zuchthäusern, andere wiederum wirkten auf den ersten Blick rührend naiv und zeigten ihre Abgründigkeit erst beim genaueren Hinhören. Das Spektrum der Texte und Autoren war groß: Es reichte vom 12-jährigen Kind über bekannte Persönlichkeiten wie den Dichter und Sänger Ernst Busch, die Widerstandskämpfer Günter Weisenborn und Harro Schulze-Boysen, den Theologen Dietrich Bonhoeffer bis hin zu Texten, deren Verfasser unbekannt blieben. Aus den Texten – unter ihnen so bekannte wie das Lied von den Moorsoldaten und Bonhoeffers „Von guten Mächten“ – sprachen Hoffnung und zugleich immer wieder tiefstes Erschrecken, Resignation, Auflehnung und abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit.

Musikalisch wurde Freytag von Christoph-Alexander Kriefall auf der Gitarre begleitet, der Werke von Johann Sebastian Bach, Andrès Segovia, Francisco Tárrega, Isaac Albéniz und eine Eigenkomposition interpretierte, die den Zuhörern in der voll besetzten Halle des Herrenhauses Atempausen verschafften, ohne den Texten die Wirkung zu nehmen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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