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Imshäuser Gespräch mit Dr. Susanne Heim zu Buchreihe über Verfolgung und Vernichtung der Juden

Sprechende Dokumente als Erinnerungszeichen

Sechzehn schwergewichtige Bände zu einem schrecklichen Kapitel deutscher Geschichte – das beschreibt das auf sechs Jahre angelegten Langzeitprojekt, in dem im Auftrag von Bundesarchiv, Institut für Zeitgeschichte sowie der Universitäten Freiburg und Berlin die Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa dokumentiert wird, nur unzureichend. Dr. Susanne Heim, die Projektleiterin der Edition, stellte im Imshäuser Gespräch das vor, was sie als „sprechende Dokumentation“ bezeichnete.

Rund 5.000 sehr unterschiedlicher Dokumente sind in den Bänden, die jeweils nach Ländern und Regionen sortiert sind, abgedruckt: Briefe und Tagebucheinträge von Opfern, Beobachtern und Tätern, Verwaltungsdokumente und vieles mehr. Was auf den ersten Blick wie eine zufällige Zusammenstellung wirkt, ist jedoch mit viel Überlegung und Sorgfalt zusammengestellt worden. Es sei eben gerade, so betonte Susanne Heim, um die Vielstimmigkeit und um das Sichtbarmachen der unterschiedlichen Perspektiven auf das historische Geschehen gegangen.

Imshäuser Gespräch mit Dr. Susanne Heim zu Buchreihe über Verfolgung und Vernichtung der Juden.

Die Herausgeberin nannte auch die Kriterien für die Aufnahme von Dokumenten in die Sammlung: Die Dokumente seien alle – bis auf einige Ausnahmen zu den Todesmärschen – vor dem 8. Mai 1945 entstanden. Man habe vermeiden wollen, dass Wertungen aus dem Rückblick die Sicht auf die historischen Ereignisse versperren. Die Dokumente sollten sowohl das Alltagsleben der damaligen Zeit abbilden als auch die offizielle Politik wiederspiegeln, wobei es dem Herausgeberteam insbesondere wichtig gewesen sei, den Opfern eine Stimme zu geben. Jedes Dokument wird in kurzen Passagen in den Zusammenhang gestellt und so kommentiert, dass ein informierter Abiturient mit ihm etwas anfangen könne. Viel Arbeit habe dabei nicht nur die Auswahl der Dokumente gemacht, sondern auch die notwendigen Übersetzungen, da eben nicht nur die Ereignisse und Zusammenhänge in Deutschland im Mittelpunkt des Interesses stünden, sondern die in ganz Europa. Susanne Heim berichtete, dass eine größten Herausforderungen für die Herausgeber in der Auswahl der Dokumente gelegen habe.

So abstrakt ein solches Großprojekt – vor allem wenn es sich in unserer digital bestimmten Welt um Papier handelt – auf den ersten Blick erscheinen mag, so nahe kann es im Einzelfall rücken. Dies machte Susanne Heim an einem Dokument deutlich, das aus Bebra stammt und das die Verfolgung und Ausgrenzung auch vor unserer Haustür auf beklemmende Weise näher rücken lässt. Im zweiten Band der Reihe findet sich ein Brief, den die Bebranerin Gerda Kappes nach der Pogromnacht von 1938 an ihre Schwiegermutter schrieb. Sie zeichnet ein detailliertes Bild der Zerstörungen und Entwürdigungen, die die jüdischen Einwohner Bebras in der Zeit vom 7. bis zum 9. November erlitten. Ihr ging es vor allem darum, die Schwiegermutter zu beruhigen, die zu dieser Zeit Verwandten in Kiel einen Besuch abstattete und deren Wohnung sich im Haus einer jüdischen Familie in der heutigen Nürnberger Straße befand. Ihr Brief, der nicht nur einfache Beschreibungen, sondern auch Ressentiments und Neid mitschwang, macht jedoch überdeutlich, dass die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Nachbarn nicht nur „von oben“ angeordnet, sondern auch „von unten“ mitgetragen und unterstützt wurde – auch von denen, die nur Zuschauer waren. Gerade am Weg des Briefes von Gerda Kappes in die Dokumentenreihe lässt sich nach Heims Wahrnehmung gut ablesen, wie wesentlich die Rolle von Menschen in den Regionen auch für die Zusammenstellung eines solchen Projektes sei: Den Brief von Gerda Kappes erhielt sie von Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg zu einer Zeit, als die Auswahl eigentlich bereits abgeschlossen war. Dieser Brief sei ihr so „sprechend“ erschienen, dass sie alle Hebel in Bewegung gesetzt habe, um ihn unterzubringen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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