Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Vortrag über Netzwerk des 20. Juli bei der Mitgliederversammlung in Imshausen

Keine „kleine Clique“, sondern ein komplexes Netzwerk

Die Beteiligten am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944, der zu den Schlüsselereignissen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zählt, wurden vom nationalsozialistischen Regime als eine „ganz kleine Clique dummer Ofiiziere“ bezeichnet. Diese Behauptung hat auch in der Nachkriegszeit lange die Diskussion um den 20. Juli bestimmt. Auch der Blick auf die Beteiligten ist bis heute häufig verengt: Zumeist wird davon ausgegangen, dass die wesentlichen Akteure im Wesentlichen Militärs gewesen seien. Die Zentralfigur, auf die sich der Blick zumeist als erstes richtet, ist nach wie vor Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Doch entspricht dieses Bild tatsächlich der Realität? Dieser Frage gingen Mitglieder und Gäste der Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V. beim öffentlichen Teil des Imshäuser Jahrestreffens zusammen mit der Historikerin Dr. Linda von Keyserlingk-Rehbein nach, die als Kuratorin unter anderem auch die Teilausstellung zum 20. Juli im militärhistorischen Museum in Dresden mit entwickelt hat.

Zuvor hatte der Verein in seiner Mitgliederversammlung die Mitglieder seines Vorstandes gewählt. Die Vorsitzende Dorothee Engelhard und ihre beiden Stellvertreter Adam von Trott zu Solz und Dr. Clemens von Trott wurden einstimmig wiedergewählt, ebenso Rainer Reinke und Thorsten Warnecke als Beisitzer. Roswitha Alterhoff stellte sich nicht mehr zur Wahl. An ihrer Stelle wählten die Mitglieder rückte Holk Freytag zum Beisitzer.

Die Mitgliederversammlung der Stiftung Adam von Trott wählte (von links) Rainer Reinke, Dr. Clemens von Trott zu Solz, Adam von Trott zu Solz, Dorothee Engelhard und Thorsten Warnecke in den Vorstand (nicht im Bild: Holk Freytag). Roswitha Alterhoff (vorne Mitte), die sich nicht mehr zur Wahl stellte, wurde mit Dank und Blumen verabschiedet.

Keyserlingk-Rehbein stellte in ihrem Vortrag dar, dass es sich lohnt, auch bei diesem scheinbar so gut beforschten Ereignis noch einmal genauer hinzuschauen. Sie hat mithilfe der computergestützten Netzwerkanalyse das Personennetzwerk des 20. Juli genauer betrachtet und kommt zu dem Schluss, dass das Netzwerk weitaus größer war, als es die Nationalsozialisten darzustellen versucht hatten. Ausgehend von den Informationen, die das Regime über die am Umsturz Beteiligten gesammelt hatten, lassen sich nach ihren Erkenntnissen mindestens 132 Personen identifizieren, die durch rund 650 Kontaktlinien miteinander verbunden sind. Und hier, so Keyserlingk-Rehbein, stünden nicht nur Militärs im Zentrum, sondern auch zahlreiche Zivilisten – unter anderem Adam von Trott, aber auch viele andere wie der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler oder der Gewerkschafter Wilhelm Leuschner.

Dr. Linda von Keyserlingk-Rehbein gab in ihrem Vortrag einen Einblick in die Methode der computergestützten historischen Netzwerkanalyse.

Linda von Keyserlingk wies darauf hin, dass auch ihre Methode noch kein vollständiges Bild der Netzwerke liefern könne. Sie habe sich bewusst darauf beschränkt, zu rekonstruieren, welche Erkenntnisse die nationalsozialistischen Behörden über das Netzwerk gewonnen haben. Dabei sei sie vielfach überrascht gewesen, welche Verbindungen in diesem Zusammenhang nicht aufgedeckt worden seien. Dies habe ihrer Einschätzung nach vor allem darauf zurückzuführen, dass viele Beteiligte sich auch während der Verhöre sehr umsichtig verhalten und versucht hätten, so wenig wie möglich über ihre Kontakte preiszugeben. Außerdem wären viele Beteiligte jeweils nur in Teilaspekte eingeweiht gewesen und hätten keinen Überblick über das gesamte Netzwerk gehabt. Einen kompletten Überblick könne es vermutlich nicht geben, weil die Überlieferung gerade aus Konspirations- und Sicherheitsgründen zwangsläufig lückenhaft sei. Über einige Beteiligte gäbe es viel Material, über andere, leider wenig. Vieles sei nie schriftlich festgehalten worden und zahlreiche schriftliche Quellen seien aus Sicherheitsgründen bewusst vernichtet worden. Auch das verzerre die Wahrnehmung der Netzwerke bis heute.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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