Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Dieter Vaupel und Alida Scheibli stellten in Imshausen die Lebensgeschichte Blanka Pudlers vor

Unser Überleben war nicht vorgesehen

Eine Sprache finden für das Unaussprechliche – das war der wesentliche Antrieb für Dr. Dieter Vaupel aus Gudensberg, das Leben von Blanka Pudler zu beschreiben. Blanka Pudler, die 1929 in der heutigen Ukraine geboren wurde, kam als 14-jähriges Mädchen nach Auschwitz, von wo sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Aranka zur Zwangsarbeit in die Munitionsfabrik nach Hessisch-Lichtenau gebracht wurde.

Gemeinsam mit der 17-jährigen Schülerin Alida Scheibli, die die Lesung auch mit eigenen Kompositionen am Klavier begleitete, stellte Dieter Vaupel sein 2018 unter dem Titel „Auf einem fremden, unbewohnbaren Planeten“ im Imshäuser Herrenhaus vor. Für Dieter Vaupel ist die Lebensgeschichte Blanka Pudlers nicht eine von vielen: Im Zuge von Recherchen über Zwangsarbeit in der Munitionsfabrik von Hessisch-Lichtenau stieß er auf Blanka Pudler, die mittlerweile in Budapest lebte. Über die Jahre entwickelte sich zwischen ihnen eine intensive Freundschaft, die bis zum Tode Blanka Pudlers im September 2017 andauerte. Die Entstehung des Buches konnte sie noch weitgehend begleiten. Dieter Vaupel war es besonders wichtig, dass ihre Geschichte nach ihrem Tod nicht vergessen wird. Die Sicht der Betroffenen müsse in ihrer Individualität sichtbar werden, nur so könne das Verstummen der Zeitzeugen verhindert werden.

Dieter Vaupel und Alida Scheibli stellten in Imshausen die Lebensgeschichte Blanka Pudlers vor.

Blanka Pudler, das wurde in der Lesung überdeutlich, verdankte ihr Überleben einer Reihung von Zufällen. So habe eine SS-Angehörige an der Rampe sie zum Lügen über ihr Alter genötigt und damit verhindert, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet wurde. Durch einen weiteren Zufall traf sie ihre Schwester im Lager wieder, die ihr später als wichtige Bezugsperson immer wieder die Kraft zum Überleben gegeben habe. Und auch die gefährliche und schwere Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen (die jungen Mädchen mussten den heißen Sprengstoff in Granaten füllen) überlebten nur sehr wenige. Willkür und Sadismus der Wachmannschaften, unzureichende Bekleidung, fehlende Sicherheitsmaßnahmen und eine extrem schlechte Ernährung sorgten dafür, dass die Sklavenarbeit für Hitlers Krieg für viele zur Todesursache wurde. Auch, dass es von der Bevölkerung in Hessisch-Lichtenau kaum menschliche Gesten gegeben habe, habe dafür gesorgt, dass sie ständig in dem Gefühl gelebt habe, von „bösartigen Außerirdischen“ umgeben gewesen zu sein.

Blanka und Aranka wurden mit anderen Häftlingen zusammen in den letzten Kriegswochen auf einen Todesmarsch geschickt und in der Nähe des sächsischen Wurzen befreit. Ihre Eltern hatten, anders als ihre Geschwister, den Holocaust nicht überlebt.

Alida Scheibli und Dieter Vaupel ließen die Lebensgeschichte Blanka Pudlers in Wort, mitgebrachten Bildern und nicht zuletzt in der Musik bemerkenswert nahe rücken. Vor allem Scheiblis musikalische Intermezzi – sämtlich Eigenkompositionen der 17-jährigen – schufen nicht nur Atempausen, sondern zugleich eine große emotionale Nähe. „Unser Überleben war nicht vorgesehen“, so kommentierte Blanka Pudler ihre Erfahrungen gegenüber Dieter Vaupel und das wurde durch die gelesenen Texte eindrucksvoll bestärkt.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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Samstag, 20. Juli 2019, 14.30 Uhr
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