Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Konzertlesung zur Instrumentalisierung Chopins im Nationalsozialismus

Von Blumen, Kanonen und Musik

In Polen war der Komponist Frédéric Chopin (1810-1849) ein Nationalheld. Doch auch viele Deutsche, unter Ihnen auch Anhänger der Nationalsozialisten, konnten sich dem Zauber der Musik Chopins nicht entziehen. Chopin, das wurde im Imshäuser Gespräch mit dem Autor Dr. Reinhard Piechocki und dem Pianisten David Andruss in besonderer Weise deutlich, spricht mit seiner Musik in besonderer Weise das gesamte emotionale Spektrum viele Menschen an. In seinem Buch „Unter Blumen eingesenkte Kanonen“ hat Piechocki Beispiele für die Instrumentalisierung Chopins durch die Nationalsozialisten gesammelt.

Piechocki führte aus, dass Hitler zunächst versucht habe, die Polen, deren Land in den Jahrhunderten zuvor drei Mal geteilt und damit regelrecht „zerfleddert“ worden sei, als „Juniorpartner“ für einen Feldzug gegen Russland zu gewinnen. In dieser Phase sei Chopin von den Nationalsozialisten geradezu heroisiert worden. Doch die Polen seien diesen Annäherungsversuchen des nationalsozialistischen Deutschland gegenüber misstrauisch geblieben. Bei Hitler habe dies einen regelrechten Rachedurst ausgelöst, der sogar zu einem kurzzeitigen Verbot der Musik Frédéric Chopins geführt habe. Chopin sei für die Polen immer eine Kraftquelle geblieben, selbst im Konzentrationslager, was sich nicht zuletzt an den Biographien des Pianisten Wladyslaw Szpylman (dessen Überlebensgeschichte Steven Spielberg in seinem Film „Der Pianist“ verarbeitete) und der Pianistin Alice Herz-Sommer, die ihren Lebensmut und ihr Überleben im KZ Theresienstadt ebenfalls maßgeblich der Musik Chopins verdankte. Mit Herz-Sommer, so Piechocki, verbinde ihn seit einigen Jahren auch eine enge persönliche Freundschaft.

Konzertlesung zur Instrumentalisierung Chopins im Nationalsozialismus mit dem Autor Dr. Reinhard Piechocki (rechts) und dem Pianisten David Andruss.

Doch auch überzeugte Nationalsozialisten und NS-Täter wie Hans Frank oder der berüchtigte Amon Göth hätten die Musik Chopins geliebt. Ein Sonderfall, so Piechocki, sei Elly Ney gewesen, die Pianistin, die auch als „Reichs-Klaviergroßmutter“ bezeichnet worden sei. Reinhard Piechocki beschrieb sie als „geniale Musikerin mit defektem Urteilsvermögen“, die Blumensträuße gegessen habe und die Tasten des Flügels mit Schwarzwälder Kirschwasser abgerieben habe, die aber gerade auch für ihre Chopin-Interpretationen berühmt gewesen sei.

Berührende Kontrastakzente setzte in der Konzertlesung der deutsch-amerikanische Pianist David Andruss mit ausgewählten Stücken des Komponisten. Er interpretierte die Musik mit großer Hingabe und Zärtlichkeit, aber auch mit einer fulminanten Kraftentfaltung und einem nuancierten Farbenreichtum, der umso erstaunlicher war, weil ihm aufgrund der Bauarbeiten in der Stiftung lediglich ein elektronisches Klavier zur Verfügung stand. Dazu erwies sich Andruss als charmanter und kluger Musikexperte, der seinen Zuhörern mit punktuellen Hinweisen am Beispiel des populären As-Dur-Walzers auch die Genialität der Arbeitsweise Chopins vermittelte.

Die Zuhörer in der voll besetzten Halle des Herrenhauses revanchierten sich mit lang anhaltendem Applaus für einen besonderen Abend, an dem sich Wort und Musik auf besonders berührende Art miteinander verbanden.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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