Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zur Rolle der Treuhand mit Dr. Marcus Böick

Ein differenzierter Beitrag zu einer hochpolitischen Debatte

Das erste Foto, das Dr. Marcus Böick in seinem Vortrag über die Treuhand, ihre Tätigkeit und ihre Wahrnehmung zeigte, erkannten viele im Imshäuser Publikum: Die streikenden Kali-Kumpel von Bischofferode 1993. Gerade in unserer grenznahen Region ist dieses Ereignis dem Publikum noch sehr gegenwärtig. Die Beschäftigung mit den Vorgängen in der unmittelbaren Nachwendezeit sowie ihre Auswirkungen auf die Gegenwart in den neuen Bundesländern sind auch 30 Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Grenze hochaktuell.

Als Historiker wollte Böick beide Perspektiven auf die Treuhand verstehen: Die vorherrschende Meinung in den alten Bundesländern, dass der Zustand der DDR-Wirtschaft kein anderes Vorgehen erlaube und die Verbitterung über die „Abwicklung“ in den neuen Bundesländern. Böick betonte, er wolle keine Vorurteile reproduzieren, sondern anhand der Quellen und vieler Interviews einen differenzierten Beitrag zur Diskussion liefern. Dies gelang ihm auch in Imshausen.

Dr. Marcus Böick hielt in Imshausen einen Vortrag über die Treuhand.

Die Idee zur Einrichtung der Treuhand sei am runden Tisch der DDR-Opposition geboren worden. Das Industrievermögen sollte bewahrt und demokratisch aufgeteilt werden, denn weder die alten Eliten noch die westlichen Kapitalisten sollten sich dieses Vermögen aneignen können. Doch von dieser ursprünglichen Idee ist nach Böicks Einschätzung nach der Währungsunion nichts übriggeblieben: In kürzester Zeit wurden bis zu 3.941 Mitarbeiter eingestellt. Die westdeutschen Manager beschrieben in den Gesprächen mit Böick einen Praxisschock: Die Produkte ließen sich nicht mehr verkaufen, die Märkte im Osten waren weggebrochen, es kam zu Schließungen großer Betriebe und innerhalb kürzester Zeit waren eine Million Menschen arbeitslos. Das Konzept der Arbeitslosigkeit hatte es in der DDR nicht gegeben, die Betroffenen fühlten sich entwertet.

Das soziale Leben in der DDR war häufig eng mit den Betrieben verknüpft. So gehörten auch Ferienheime, Schulen, Schwimmbäder und ähnliches zu den Betrieben. Das alles wurde mit „abgewickelt“, und soziale Probleme entstanden. Schaut man sich die Herkunft der Investoren an, so stammten sie zu 80 Prozent aus den westdeutschen Bundesländern, nur fünf Prozent waren Ostdeutsche. Bis heute, so Böick, gebe es keine „indigene Elite“ in den neuen Bundesländern. Gerade an der Spitze der Wirtschaftsunternehmen dominierten nach wie vor die Westdeutschen. In Sachsen und Thüringen privatisierte die Treuhand besonders viele Unternehmen. Dort sitze der Schock darüber noch heute tief.

Die Treuhand sei zum Symbol für die vielfach als negativ wahrgenommenen Folgen Transformation geworden. Der Politik unter Bundeskanzler Helmuth Kohl sei es gelungen, dieses negative Image weitgehend von sich fern zu halten. Trotz starker Proteste gegen die Privatisierung wurde Kohl 1994 auch in den neuen Bundesländern wiedergewählt. So könne man die Treuhand als „Schutzschild“ für die Bonner Regierung verstehen, hinter dem sich die Politiker versteckt hätten. Die kulturellen und langfristigen sozialen und politischen Folgen dieser Nachwendezeit seien massiv unterschätzt worden. Sie seien noch heute ein wesentlicher Faktor in Bezug auf das Wahlverhalten in den neuen Bundesländern, erklärte Böick. Die Zuhörer in Imshausen waren sich einig, dass das Verständnis der Rolle der Treuhand kann ein Baustein zum Verständnis der vielfach diskutierten Situation in den neuen Bundesländern werden könne.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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