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Imshäuser Gespräch zum Frauenwahlrecht

Es bleibt viel zu tun

Von Ute Janßen

Erst seit 100 Jahren haben Frauen die Wahl – an den Jahrestag der ersten Reichstagswahl, an der auch Frauen teilnehmen durften, erinnerte die Göttinger Historikerin Dr. Frauke Geyken im Imshäuser Gespräch. Frauen, so Geyken, hätten lange nicht nur politisch wenig Spielräume gehabt, was sich auch in der Kleidung ausgedrückt habe: Sie konnten und sollten sich nur wenig bewegen. Die Sozialdemokratin Lily Braun, eine der prägenden Gestalten der deutschen Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, habe es in dem Satz „Ich wurde gelebt“ auf den Punkt gebracht.

Die Einführung des Frauenwahlrechtes, so Geyken, sei nicht vom Himmel gefallen, sondern Teil eines langen Prozesses gewesen, der – beziehe man ihn auf die Gleichstellung der Geschlechter – bis heute andauere. Die erste deutliche Manifestation lokalisierte Geyken im Aufruf Olympe de Gouges „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (1791) im Umfeld der Französischen Revolution.

Die Göttinger Historikerin Dr. Frauke Geyken, die auch am Aufbau und an der Entwicklung des Kasseler Archiv der Frauenbewegung beteiligt war, im Imshäuser Gespräch.

Gewürdigt wurde de Gouges Einsatz für Frauen- und Menschenrechte allerdings nicht: Sie wurde 1793 in Paris hingerichtet. In Deutschland waren die Frauen auch nach der Revolution von 1848 noch ausdrücklich von jeglicher Form politischer Partizipation ausgeschlossen. Frauke Geyken zitierte dazu die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Hedwig Dohm, die 1876 zur Debatte um das Frauenstimmrecht schrieb: „Man wird uns darauf warten lassen bis zum jüngsten Tag und sich inzwischen auf das Gottesgericht berufen, welches die Frau durch den Mangel eines Bartes als unpolitisches Wesen gekennzeichnet hat." Selbst die Gründung von Vereinen, die sich für Frauenbildung und Mädchenschulreformen einsetzten, konnten damals mit der Begründung der den Frauen versagten „politischen Betätigung“ verboten werden. Handarbeiten dienten zeitweise als kreative „Tarnkappe“ für die Arbeit vieler Vereine. Erst 1908 wurde es Frauen erlaubt, sich politisch zu betätigen.

Geyken erinnerte an die englischen Suffragetten, die für Gleichberechtigung und die Gewährung des Stimmrechtes auf die Straße gingen und auch an die Vertreterinnen der bürgerlichen und der sozialdemokratischen Frauenbewegung, zu denen unter anderem auch Helene Lange, Clara Zetkin und Anita Augspurg zählten. Letztere gründete 1902 den Deutschen Verband für Frauenwahlrecht. In Deutschland sei es während des Ersten Weltkrieges zu einer ersten umfassenden Mobilisierung gekommen. Dass mit der Gründung der Weimarer Republik auch das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, sei allerdings auch nur möglich gewesen, weil sich Frauen über Parteigrenzen hinweg zusammengeschlossen hätten. Das Frauenwahlrecht wurde allerdings 1933 de facto – nicht per Gesetz – wieder abgeschafft. Frauke Geyken berichtete, dass die NSDAP Frauen Parteiämter verweigerte. Mit der Abschaffung der restlichen Parteien und letztendlich auch der freien und gleichen Wahlen seien die Fakten dann zementiert worden.

Frauke Geyken beschränkte sich in ihrem Vortrag, auf den im gut besetzten Veranstaltungsraum ein lebhaftes Gespräch folgte, nicht auf die Zeit bis 1919, sondern würdigte auch den Einsatz Elisabeth Selberts für die Aufnahme der Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Grundgesetz, das im Mai 1949 in Kraft trat. Das Bürgerliche Gesetzbuch, das bis in die 1970er Jahre hinein einige Gesetze enthielt, die Frauen die Gleichstellung verweigerten (u.a. erforderten der Abschluss eines Arbeitsvertrages und die Eröffnung eines Kontos die Zustimmung des Ehemannes) wurde allerdings erst nach und nach angepasst. Die „Mutter des Grundgesetzes“, Elisabeth Selbert, bezeichnete dies in großer Klarheit als „permanenten Verfassungsbruch“. Insofern war das Wahlrecht ein wichtiger Schritt, aber bis heute, so Geyken, bleibe im Prozess der Gleichstellung der Geschlechter viel zu tun.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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