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Imshäuer Gespräch mit Matteo Schürenberg vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Erinnerung als Gegenwartsthema

Die eine „richtige“ Erinnerungskultur gibt es nicht. Und trotzdem muss die Frage, was eigentlich „Erinnerungskultur“ im Land der Täter bedeutet, immer wieder neu gestellt werden. Dieses Resümee zog der Leiter des Referats Erinnerungskultur und Netzwerkarbeit beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Matteo Schürenberg im Imshäuser Gespräch.

Gerade angesichts zunehmender, immer wiederkehrender Provokationen durch antisemitische Übergriffe und Angriffen, die auch vor staatlichen Institutionen nicht halt machten, sei das Unbehagen, das erinnerungspolitische Fragen aufwürfen, deutlich spürbar. Matteo Schürenberg verwies an dieser Stelle auf die Vereinnahmung von Widerstand, wie er beispielsweise durch die Verwendung von Zitaten Sophie Scholls auf Plakaten der AfD sichtbar werde.

Matteo Schürenberg im Imshäuser Gespräch.

Schürenberg erinnerte daran, dass die Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur, die in vielen Ländern als positive Errungenschaft wahrgenommen werde, ein langer Prozess gewesen sei, der vielfach mühselig, schmerzhaft und arbeitsreich gewesen sei. Was zunächst als Anarbeiten gegen zähe Widerstände begonnen habe, sei, nicht zuletzt durch entschiedenes bürgerschaftliches Engagement, das sich vor allem in der Geschichtswerkstättenbewegung der 1980er Jahre gezeigt habe, allmählich gewachsen.

Früher, so Schürenberg, sei Geschichte vor allem von Siegern geschrieben worden. Die Sicht der Opfer habe allenfalls eine untergeordnete Rolle gespielt, was wohl vor allem damit zu erklären sei, dass die Beschäftigung mit Leidenserfahrungen oft mit Schuld und Scham verbunden sei. Viele Zeitzeugen hätten erst sehr spät über ihre Erfahrungen sprechen können. Matteo Schürenberg konnte hier aus eigener Erfahrung berichten: Als Zivildienstleistender betreute er für die Organisation Aktion Sühnezeichen e.V. Holocaust-Überlebende. Doch auch die Berichte von Zeitzeugen seien nicht per se mit objektiver Wahrheit gleichzusetzen. Sie erzählten ihren Ausschnitt der Wahrheit, der natürlich nie ein Gesamtbild ergäbe. Schürenberg betonte die Notwendigkeit, Zeitzeugenaussagen durch weitere historische Recherchen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Eine Überbewertung von Zeitzeugenberichten könne, so der Referent, im Extremfall zu einer Idealisierung oder Idolisierung mit dem Opfer führen.

Gerade nach dem Ende des Kalten Krieges sei deutlich geworden, dass es in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedliche Verfolgungs- und Unterdrückungserfahrungen gäbe: Während in Westeuropa vor allem der Holocaust die Grundlage für die Herausbildung einer Erinnerungskultur gewesen sei, sei es in Osteuropa viel stärker die Erfahrungen mit dem Stalinismus. Um tatsächlich zu einer Versöhnung kommen zu können, konstatierte Matteo Schürenberg, sei es unerlässlich, nicht nur die eigene Haltung zu hinterfragen, sondern auch die Erfahrungen des Gegenübers wahrzunehmen und anzuerkennen. Auch bei den Themen des Erinnerns sah Schürenberg deutliche Unterschiede: So sei es wesentlich einfacher und unumstrittener, internationale Gedenkfeiern an Soldatengräbern zu initiieren als sich mit Themen wie Zwangsarbeit zu beschäftigen. Nach wie vor sei das Interesse an Gedenkveranstaltungen sehr groß. Schürenberg betonte, dass gerade für die nachgeborenen Generationen neue Wege und Methoden entwickelt werden müssten, damit Erinnerung auch ein Gegenwartsthema bleiben könne.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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