Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Hagen-Hubert Möckel spielte Süskinds „Kontrabass“ in Imshausen

Verbeamtete Nachrichten aus der Schall-Isolation

Von Ute Janßen

Die Welt fängt beim Kontra-E an. Wer das bisher noch nicht wusste, hatte bei der Aufführung von Patrick Süskinds „Kontrabass“ im Imshäuser Herrenhaus durch den Schauspieler und Rezitator Hagen-Hubert Möckel die Gelegenheit, mehr über das Zusammenleben mit einem Kontrabass und die Einsamkeit des Kontrabassisten zu erfahren. Auf Einladung der Stiftung Adam von Trott und des Kulturzugs Bebra und mit Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst gastierte Möckel mit seiner fulminanten Einmann-Show zu einer Matinee-Veranstaltung in Imshausen.

Was als Plädoyer für eines der – zumindest nach Meinung des namenlosen verbeamteten Kontrabassisten – meist unterschätzten und dennoch wichtigsten Orchesterinstruments beginnt, mündet in Süskinds Einmannstück schnell in den Monolog eines vereinsamten, unzufriedenen Mittdreißigers, der sich stets auf der Seite der Zu-Kurz-Gekommenen verortet: Mit der Wahl seines Instruments, für das es keine Solostücke gibt und bei dem auch der Versuch des Schön-Spielens völlig sinnlos ist („Kontrabass-Spielen ist reine Kraftsache und hat nichts mit Musik zu tun“), das als Mitbewohner auch eher ein Klotz am Bein ist, der ständig im Weg steht und sich dann auch noch als Dauer-Stolperfalle entpuppt und mit der unerfüllten Liebe zur jungen Sopranistin Sarah, die ihn trotz seines nach eigener Wahrnehmung guten Aussehens, nicht einmal zur Kenntnis nimmt, sondern sich stattdessen von ältlichen Tenören in teure Fischlokale einladen lässt.

Die neuen und alten Leiden des Kontrabassisten schilderte der Schauspieler und Rezitator Hagen-Hubert Möckel in Patrick Süskinds Einmannstück „Der Kontrabass“ im Imshäuser Herrenhaus.

Er hat es wahrlich nicht leicht, der tragische Antiheld mit Beamtenstatus, der sich selbst in seinem Monolog erbarmungslos als totaler Versager darstellt und der in jedem Konzert so viel Flüssigkeit verliert, dass er das Bier kistenweise in sich hineinschütten muss, um nicht auszutrocknen. Im Bademantel doziert und schwadroniert er vor sich hin und streift dabei sämtliche Abgründe der menschlichen Existenz von der Revolution bis zur psychoanalytischen Deutung seines Instruments und der Musik. Und er ist sich sicher: Wenn Wagner zum Analytiker gegangen wäre, hätte es den „Tristan“ nie gegeben.

Obwohl sein Zimmer schallisoliert ist, beschweren sich die Nachbarn, wenn er lauter spielt als mezzoforte und das nur, weil wegen der tiefen Frequenzen, die das Objekt seiner Hassliebe, der Kontrabass, erzeugt. Denn außer Durchschlagskraft – so der Kontrabassist in seiner Verzweiflung – habe dieses Instrument nichts, es sei eine einzige Katastrophe. Und für ihn ist eines völlig klar: Niemand kommt freiwillig zum Kontrabass.

Und obwohl er seinen „Dreckskasten“, den „Waldschrat unter den Instrumenten“, der aussieht, wie ein fettes Weib, so leidenschaftlich hasst, dass er ihn in seiner Phantasie zu Brennholz verarbeitet und ihn am liebsten erschlagen würde, zieht er am Ende doch seinen Frack an, um in der Oper bei der Festspielaufführung des „Rheingold“ mitzuwirken. Und ob er tatsächlich, wie er es sich ausmalt, am Ende seinem angepassten Dasein als verbeamteter Musiker dem ewigen Einerlei entrinnen kann, indem laut aus dem Orchestergraben heraus „Sarah!“ ruft, damit ihn die unerreichbare Angebetete endlich bemerkt, das lassen Süskind und Möckel am Ende dieser schauspielerisch ausgesprochen bemerkenswerten Vorstellung offen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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