Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Konzert mit Schlagern der 20er und 30er Jahre in Imshausen

Vergnügliche Evergreens mit ernstem Hintergrund

Von Ute Janßen

Veronika, Elisabeth, Donna Clara, Herr Maier am Himalaya und die Frau, die von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ist – das waren nur einige der Protagonisten, die Renate und Roland Häusler aus Guxhagen mit nach Imshausen gebracht hatten: Sie präsentierten einen vergnüglichen Nachmittag mit Schlagern der 20er und 30er Jahre, mit echten Evergreens, die den meisten der Zuhörer in der voll besetzten Halle des Imshäuser Herrenhauses offenkundig wohl vertraut waren.

Frivol, urkomisch, sentimental, sarkastisch, voller Wortwitz und so scharfsinnig wie ein Rasiermesser kamen die Lieder daher, die die beiden Musiker ausgewählt hatten. Bei vielen sang das Publikum erstaunlich textsicher mit. Doch was oberflächlich betrachtet nach einem harmlosen musikalischen Sonntagnachmittagsvergnügen aussah, hatte einen ernsten Hintergrund: Alle diese Lieder stammen von jüdischen Textern und Komponisten.

Renate und Roland Häusler aus Guxhagen präsentierten Schlager der 20er und 30er Jahre.

Im Umfeld des Jahrestages der Pogromnacht nutzten Renate und Roland Häusler die Möglichkeit, die Urheber der Musik, die heute kaum noch jemand kennt, wieder sichtbar zu machen. In kurzen Schlaglichtern umrissen sie die Lebensgeschichten der Texter und Komponisten, deren Karrieren mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten zum Teil brutal abgeschnitten wurden. Bühnen- und Auftrittsverbote, Flucht, Exil, Deportation und Tod waren das Schicksal einiger der Urheber. Andere, wie Friedrich Hollaender oder Fritz Rotter, hatten mehr Glück: Sie hatten die Möglichkeit, in Hollywood ihre Arbeit fortzusetzen. Renate und Roland Häusler erzählten unter anderem die Geschichte des Texters Fritz Löhner-Beda, der als populärer Librettist unter anderem mit Franz Lehár zusammenarbeitete und der 1942 in Auschwitz-Monowitz ermordet wurde. Sein letztes Werk war das „Buchenwaldlied“. Oder die von Fritz Grünbaum, von dem das populäre Lied von der Elisabeth mit den schönen Beinen stammt. Er starb nach einer missglückten Flucht schließlich 1941 im Konzentrationslager Dachau.

Trotz aller Schwere und Dramatik in den erzählten Lebensgeschichten gelang es Renate und Roland Häusler, die sich selbst auf Gitarre, Violine und Mandoline begleiteten, auch die Leichtigkeit der Musik und den Wortwitz der Texte zu transportieren. Ihr Konzept „Geschichte von unten“ mithilfe von Musik zu erzählen und dabei den Unterhaltungsfaktor bewusst einzukalkulieren ging auf. Mit viel Humor, Fingerspitzengefühl, Sinn für Ironie, puren Nonsense und Dramatik gelang es ihnen eine gelöste Stimmung und Freude an diesen wunderbaren Evergreens zu vermitteln. Damit machten sie zugleich deutlich, welche brutale Lücke die Vertreibung und Ermordung der Juden in Deutschland auch in der Kultur hinterlassen hat.

Und man konnte auch mithilfe der Texte durchaus fürs Leben lernen: Über Frauen, die nie etwas anzuziehen haben, über Gäste, die ihren Gastgebern die Vorratskammer leerfuttern oder über Liebe, die dem Alterungsprozess unterworfen ist – für jeden Geschmack war etwas dabei. Und am Ende zeigte der langanhaltende Applaus deutlich, dass die Zuhörer mit ihrer Entscheidung, statt am Sonntag mit ihrem Süßen segeln zu gehen, sich doch für den Konzertbesuch in Imshausen entschieden zu haben sichtlich glücklich waren.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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