Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zu den Entwicklungen der polnischen Geschichtspolitik

Wenn Geschichte zum innenpolitischen Faktor wird

Debatten um Geschichte beschränkt sich häufig nicht auf die kleine „Öffentlichkeit“ von Fachhistorikern, sie berühren als „Geschichtspolitik“ auch die Interessen von Öffentlichkeit und Regierung und sind häufig verbunden mit der Definition von nationalen Selbstbildern. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür liefert aktuell die Diskussion in unserem Nachbarland Polen, die die Historikerin und Museumskuratorin Dr. Zofia Woycicka vom Zentrum für historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin auf Einladung der Stiftung Adam von Trott im Imshäuser Gespräch darstellte.

Als Beispiel führte Woycicka die Debatte um das Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig an, dessen erst im vergangenen Jahr eröffnete Dauerausstellung nicht den Vorstellungen der regierenden PiS-Partei entsprach. Diese wird gegenwärtig, nachdem auch der Gründungsdirektor Pawel Machcewich entlassen wurde, grundlegend verändert. Woycicka erläuterte, dass es gerade in der Danziger Ausstellung darum gehe, das heroische Moment, die Leistungen der polnischen Soldaten und die Rolle der Polen als unschuldige Opfer des Krieges zu betonen. Diese Tendenz, so Woycicka finde sich auch in anderen Maßnahmen der Regierung, wie beispielsweise die im Januar 2018 vorgenommene Änderung des Gesetzes des Instituts für Nationales Gedenken (IPN), das die „Beschädigung der Republik und des guten Rufs Polens“ unter Strafe stelle. Die Maßnahmen richteten sich jedoch nicht primär nach außen, auch wenn gerade die deutschen Nachbarn wieder zu „Hauptfeinden“ stilisiert würden. Der Regierung gehe es vor allem um das Selbstbild der Polen und um die Ansprache der eigenen Wähler. Dennoch sei gerade die Einführung dieses Gesetzes international stark diskutiert worden, weil es auch Äußerungen von Nicht-Polen mit strafrechtlichen Sanktionen belege. Zugleich schüre die Geschichtspolitik der Regierung neue Ressentiments und Feindbilder. Diplomatische Schäden – nicht zuletzt auch bei den deutschen Nachbarn - so Zofia Woycicka, würden von der Regierung in Kauf genommen, ihre Folgen würden offenkundig unterschätzt. Insgesamt sei eine deutliche Eingrenzung der Autonomie von Institutionen und Museen in Polen zu beobachten. Die finanziellen Mittel für Projekte, die der Regierung nicht genehm seien, seien stark begrenzt worden.

Die Historikerin und Museumskuratorin Dr. Zofia Woycicka vom Zentrum für historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin im Imshäuser Gespräch.

In den 2000er Jahren, so betonte Zofia Woycicka, habe Polen geradezu als „Musterland“ für eine kritische Aufarbeitung der Geschichte gegolten, auch wenn es bereits seit den 1990er Jahren kontroverse Debatten gegeben habe. Als Beispiel führte Woycicka vor allem die Debatte um das antijüdische Pogrom in der Stadt Jedwabne im Jahr 1941 an, das durch Polen vor dem Einmarsch deutscher Truppen verübt worden sei. Einem großen Teil der polnischen Bevölkerung falle es bis heute schwer, eine Mitverantwortung an den Ereignissen in Jedwabne einzugestehen. Während die Vorgängerregierung grundsätzlich Pluralität auch in der Geschichtsdebatte zugelassen und gefördert habe, behindere die Politik der jetzigen Regierung die Entwicklung eines kritischen Geschichtsbildes eher. Dennoch, so konstatierte Zofia Woycicka während der engagierten Diskussion im Imshäuser Herrenhaus, sei es der Regierung bislang noch nicht gelungen, den Diskurs komplett auf einer Linie festzuschreiben. Vor allem von Intellektuellen und aus der Wissenschaft werde – trotz einer tiefen Spaltung der Bevölkerung zwischen Stadt und Land und aufgrund des Bildungsgrades – deutliche Gegenwehr geleistet, was auch erkläre, dass die PiS bei den Lokalwahlen am 21. Oktober vor allem in den Großstädten dramatische Stimmenverluste habe hinnehmen müssen. Kritik von außen bezeichnete Woycicka als wichtigen Faktor. Zofia Woycicka zeigte sich erfreut über Solidaritätsaktionen deutscher Historiker für polnische Kollegen und auch über das Eingreifen der EU in die Debatte um die Justizreform in Polen. Noch, so betonte sie, sei der Kampf um eine kritische Geschichtsschreibung nicht verloren.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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