Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch über 1968 mit Gretchen Dutschke-Klotz und Wolfgang Wieland

Demokratie - die wichtigste Errungenschaft

Als „Erfolgsgeschichte“ in der deutschen Nachkriegsrepublik, die ihresgleichen sucht, bezeichneten Gretchen Dutschke-Klotz und Wolfgang Wieland die Nachwirkungen der Ereignisse von 1968 im Imshäuser Gespräch. Das Interesse an der Begegnung mit den beiden Zeitzeugen war groß: Die Halle des Imshäuser Herrenhauses war bis auf den letzten Platz besetzt.

Die wichtigsten Veränderungen, so Wolfgang Wieland, der später zu den Gründern der Alternativen Liste in Berlin gehörte, seien die Überwindung des deutschen Obrigkeitsstaates und die Auseinandersetzung mit den geistigen und personellen Kontinuitäten des Nationalsozialismus nach 1945. Die jüngere Generation habe damals erkannt, dass es möglich sei, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Man habe nicht, wie die eigenen Eltern nur danebenstehen und nichts tun wollen. Dies sei ein wichtiger Impuls gewesen, der viele junge Menschen angesichts der Notstandsgesetze und des Vietnam-Krieges auf die Straße getrieben habe. Wieland erinnerte sich zudem lebhaft an den 2. Juni 1967, an dem die Proteste gegen den Staatsbesuch des Schahs mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg endeten. Nachdem zunächst gezielt die falsche Nachricht verbreitet worden war, dass ein Polizist erstochen worden sei, sei der Tod Ohnesorgs erst am folgenden Tag gemeldet worden. „Wir sahen damals, es gibt keine Gerechtigkeit, auch die Medien berichteten entsprechend“, so Wieland. Es sei weiter gegen die Demonstranten gehetzt worden, das habe letztlich mit zu dem Attentat auf Rudi Dutschke geführt. Dennoch sei der Weg in den Terrorismus und in die Radikalität, der von einigen wenigen eingeschlagen wurde, ein Irrweg und ein Zeichen der Ohnmacht gewesen. Man habe allerdings nur wenige der damaligen politischen Ziele umsetzen können, konstatierte Wieland, dennoch sei es zu entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen gekommen.

Gretchen Dutschke-Klotz und Wolfgang Wieland beim Imshäuser Gespräch.

Gretchen Dutschke-Klotz bezeichnete sich selbst als „Wahldeutsche“. Als junge Studentin kam sie aus den USA nach Deutschland, vor allem um die Sprache zu lernen. Sie schilderte ihre erste Zufallsbegegnung mit ihrem späteren Ehemann Rudi Dutschke. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Dutschke verpasste ihr jedoch zunächst einen Dämpfer, indem er ihr signalisierte, dass in seinem Leben kein Platz für eine Beziehung sei, weil die Revolution an erster Stelle stehe. Dennoch habe sich ihre Partnerschaft gefestigt, sodass sie – entgegen der Ressentiments vieler Akteure der 68er-Bewegung gegen die „bürgerliche Kleinfamilie“ – auch heirateten. Sie sei für ihn Partnerin und Vertraute gewesen und zwischen ihnen habe sich ein Gespräch entwickelt, das ihr gesamtes gemeinsames Leben lang angedauert habe. Hätte man ihr als junger Frau gesagt, dass sie einmal die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen würde, hätte sie dies wohl weit von sich gewiesen. Seit einigen Jahren sei sie jedoch bewusst Deutsche, weil sie überzeugt sei, dass Deutschland – auch und gerade infolge der aus 1968 resultierenden Veränderungen – heute ein anderes Land sei, auf das man durchaus stolz sein dürfe. Insbesondere die Demokratisierung nach 1968 halte sie für eine der wichtigsten Errungenschaften.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie stark die damals angestoßenen Veränderungen bis in die Gegenwart nachwirken. Immer noch sei das Nachdenken über Veränderungen hin zu mehr Gerechtigkeit – politisch und wirtschaftlich – nötig. Dennoch müsse man sich davor hüten, den erreichten positiven Stand an Demokratie ständig klein zu reden. Jeder sei gefordert, sich einzubringen und dafür bedürfe es insbesondere in Bezug auf Bildung weiterer Impulse, denn man werde nicht zwangsläufig als politischer Mensch geboren.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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