Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Lesung des Autors Tilmann Lahme in Imshausen

Briefe geben neue Einblicke in das Leben der Familie Mann

Die Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V. lud zum Jahrestag der Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 den bekannten Buchautor Tilmann Lahme zu einer Konzertlesung ein. Lahme beschäftigte sich in seinem lebendigen Vortrag mit der Familie Mann. Begleitet wurde er von David Gerlach am Klavier.

„Tausende Briefe, die ungefähr 40 Umzugskartons füllen würden, lagerten im Archiv in Zürich. Das war die Korrespondenz von Katja Mann, der Ehefrau Thomas Manns, nach der auch schon Forscher vor mir gesucht haben. Die Briefe waren im Archiv mehr oder weniger vergessen worden. Ich war der erste, der diese Briefe anschauen konnte und hatte damit ganz neues Material“. So erklärte Tilmann Lahme, der am 20. April zu einer Konzertlesung im Herrenhaus in Imshausen zu Gast war, warum es sich lohnte, trotz all der vorhandenen Literatur zur Familie Mann doch noch weitere Bücher über diese Familie zu schreiben.

Acht Menschen, acht Blickwinkel: So wurde die Geschichte der Manns noch nicht erzählt.

Die Briefe, die er dann in Auszügen vortrug, geben den Familienmitgliedern eine je sehr individuelle Stimme. Zum Beispiel dem jüngsten Sohn Michael (1919-1977), der 1937 als 17-Jähriger in Paris Violine studierte. Die Reaktionen seiner Mutter auf Michaels Geldbitten sind den Briefen genauso zu entnehmen wie die Begeisterung für Sportwagen oder seinen vierbeinigen Gefährten. Thomas Mann bekommt von den Sorgen seiner Kinder wenig mit, denn Katja Mann hält das meiste von ihm fern. Über die Briefe kann man die erwachsenen Mann-Kinder auf ihrer Suche nach einem Platz in der Welt eng begleiten. Sie konkurrieren um Anerkennung und Zuneigung des Vaters, alle versuchen sich im Schreiben. Ja, so Tilmann Lahme, die Familie habe über Schreiben miteinander kommuniziert. Die innerfamiliären aber auch die ganz individuellen Konflikte seien Thema der Texte, die die Manns auch immer zum Veröffentlichen geschrieben hätten. Er habe sich oft gefragt, so Lahme, ob die Manns lebten um zu schreiben und der Nachwelt etwas mitzuteilen oder ob es da auch noch ein anderes Leben gegeben habe. Die Deutungshoheit über das eigene Leben und jenes der Familie insgesamt, die Erzählung über die Familie, war dann schnell Thema von Vorträgen. So habe Klaus Mann in den USA Vorträge über die „Familie gegen die Diktatur“ gehalten und auch Thomas und Erika Mann waren in den USA einem breiten Vortragspublikum bekannt.

Lahme gelang es in einem sehr lebendigen Vortrag, die Briefe und ihre Schreiber miteinander in Beziehung zu setzen und die Zuhörer im Herrenhaus nah und oft auch mit Humor an die Manns heranzuführen. Die gut besuchte Lesung ließ die Zuhörer teils nachdenklich zurück: Bilder, die man von Thomas Mann hatte, bekamen neue Facetten. Angesichts der vielen erhaltenen schriftlichen Zeugnisse fragte sich Tilmann Lahme, was eigentlich von unserer Generation der E-Mail und SMS-Schreiber einmal bleiben würde. Thomas Manns Bücher waren ab 1936, nach der Ausbürgerung des Schriftstellers, nicht mehr in Deutschland erhält¬lich. Auch die Bücher von Heinrich, Klaus und Erika Mann waren unter den Nationalsozialisten verboten.

Durchaus mit der Thematik im Zusammenhang stand zu Beginn des Abends die Übergabe eines Stauffenberg- Porträts durch den Rotenburger Künstler Ekkehard Dworok an die Stiftung. (HNA berichtete). Das außergewöhnlich herausfordernde Bild wird in Zukunft seinen Platz in einem der Räume des Herrenhauses haben und erinnert daran, dass der Attentäter vom 20. Juli1944 und Adam von Trott in enger Beziehung zueinanderstanden.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


Artikelarchiv seit 2005

In unserem Artikelarchiv finden Sie alle Berichte aus und über Imshausen geordnet nach Jahren:

2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005


Imshäuser Gespräche

'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
Dazu lädt die Stiftung kompetente Personen als Referentinnen/ Referenten ein. Einem einführenden Vortrag folgt jeweils eine ausführliche Aussprache.
Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.