Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch über den jüdischen Publizisten Binjamin Segel

Reise in eine verlorene Welt

Kultur kann nicht als Selbstzweck konserviert werden, sie ist nur da lebendig, wo sie sich weiterentwickeln kann. Das wurde den Zuhörenden im Imshäuser Herrenhaus von der Expertin für jiddische Literatur Dr. Ruth von Bernuth schmerzlich ins Bewusstsein gerufen. Mit ihrem Vortrag über den jüdischen Publizisten Binjamin Segel (1866-1931) nahm von Bernuth das Publikum auf eine Zeitreise in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts mit. Sie beleuchtete dabei die jüdische Kultur Galiziens, die im Holocaust ihr brutales Ende fand und zeigte auf, wie wenig von dieser zentraleuropäischen Kultur übriggeblieben ist und welche Leerstellen die Shoah hinterlassen hat.

Binjamin Segel war ein Vielschreiber, der sich mit großer Gewandtheit in mehreren Sprachen bewegte. Seine klaren Stellungnahmen brachten ihm immer wieder Kritik von verschiedenen Seiten ein, die er, so von Bernuth, nie gescheut habe. Ruth von Bernuth bot einen Überblick über Segels Arbeit, die eine Vielzahl von Artikeln, Pamphleten und Buchpublikationen umfasst. Er veröffentlichte ein Theaterstück, versuchte sich als Romanschreiber, sammelte Lieder, Sprichwörter und Märchen der Juden, dennoch ist er heute so gut wie vergessen. Geboren in eine wohlhabende Familie in Galizien, durchlief er eine traditionelle jüdische Erziehung, bevor er in Lemberg (heute Lviv in der Ukraine) Berlin und Wien studierte und als Journalist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland und Österreich arbeitete. 1924 führte Segel in seiner „Erledigung“ der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ den Beweis, dass dieses antisemitische Pamphlet, das bis heute als eines der nach der Bibel verbreitetsten Bücher und bedeutendstes Dokument des Verschwörungswahns und der „alternativen Fakten“ gilt, eine Fälschung ist.

Expertin für jiddische Literatur: Dr. Ruth von Bernuth.

Leider halten sich Vorstellungen aus den „Protokollen“ zäh. Von Bernuth zitierte etwa den baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon, der mehrfach öffentlich bezweifelte, dass die „Protokolle“ Fälschungen seien. Segel habe sich außer in seiner „Erledigung“ auch in zahlreichen weiteren Publikationen gegen den zeitgenössischen Antisemitismus gewandt, erklärte von Bernuth.

Neben seinen politischen Werken, in denen Segel immer wieder gegen eine undifferenzierte, diskriminierende Beschreibung der „Ostjuden“ eintrat, würdigte Ruth von Bernuth insbesondere sein ethnographisches Werk. Mit seinen Sammlungen von jiddischen Sprichwörtern, Liedern und Geschichten habe Segel dazu beigetragen, dass zumindest ein kleiner Teil des Erbes der Juden in Mitteleuropa nicht komplett verloren gegangen sei. Am bekanntesten seien wohl Segels Geschichten aus der fiktiven „Narrenstadt“ Chelm gewesen, in denen er deutliche Anklänge an die berühmten Schildbürgergeschichten verarbeitet habe. „Chelm“, so Segel „liegt überall. In jeder Stadt ein wenig.“

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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