Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Diskussion in Imshausen

Erinnerungskultur auf dem Prüfstand?

Welche Art von Gedenkkultur für die Zeit der NS-Gewaltherrschaft haben wir in Hessen heute und welchen Herausforderungen muss diese sich in Zukunft stellen? Diese Frage stellt sich besonders, aber nicht nur vor dem Hintergrund der Forderungen nach einem „Ende des Schuldkults“ aus den Reihen der AFD. Mit Dr. Monika Hölscher, der Leiterin des Referats Gedenkstätten bei der Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Gunnar Richter, Leiter der Gedenkstätte Breitenau und Ludger Arnold, dem pädagogischen Leiter der Adam-von-Trott-Schule in Sontra hatte die Stiftung Adam von Trott dazu drei kompetente Gesprächspartner eingeladen.

„Auch zu Beginn der Aufarbeitung in den frühen 1980er Jahren gab es Widerstand gegen unsere Arbeit. Heute haben wir in Hessen eine dichte Gedenkstättenlandschaft mit rund 50 lokalen Initiativen. Wir stellen uns denen entgegen, die diesen Prozess zurückdrehen wollen!“ erklärte Dr. Richter. Denn die Gedenkstätten, Geschichtswerkstätten und andere hätten dafür gesorgt, dass in der Bundesrepublik das Geschichtsbewusstsein – gerade auch für die Geschehnisse in der eigenen Region - nachhaltig aufgebaut worden sei, die Angehörigen der Opfer und die Verfolgten selbst Gehör gefunden hätten und dass eine öffentliche Erinnerungskultur entstanden sei. Auch im Ausland habe diese Entwicklung das Bild Deutschlands positiv geprägt.

In Imshausen diskutierten Dr. Gunnar Richter, Dr. Monika Hölscher und Ludger Arnold (von links) vor vollem Haus über die Frage, wie sich Erinnerungskultur weiterentwickeln kann.

Ludger Arnold warf einen kritischen Blick auf die Entwicklung in den Schulen. Hier habe der enge Lehrplan und die Modularisierung in der Lehrerausbildung in den letzten Jahren gegenläufige Akzente gesetzt: Wirtschaft, Naturwissenschaften und Rechtskunde hätten an Gewicht gewonnen, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus stünde nicht mehr im Vordergrund. Man müsse aber die Schulzeit nutzen, um Empathie für die Geschichte zu wecken. Schule sei die zentrale Einrichtung der Erinnerungskultur, argumentierte Arnold. „Ich wünsche mir für die Erinnerungskultur in der Schule engagierte Lehrer, die sich als Person einbringen und den Schülern vorleben, was Erinnerung für sie bedeutet“, betonte er in seinem Schlusswort.

Die Schülerinnen und Schüler im Publikum machten deutlich, dass es auch in ihren Schulen durchaus Kritzeleien mit NS-Symbolik gäbe. Rechtsextreme seien jedoch häufig nicht mehr sofort an ihrem Äußeren zu erkennen. Wichtig sei es, dazu eigene Positionen zu entwickeln und für diese einzustehen. Dies bekräftigte auch Dr. Monika Hölscher, die besonders auch fachliche Kompetenz und eine breite Unterstützung der Gedenkstättenarbeit durch Politik und Gesellschaft einforderte. Denn allen stünde ein Wandel bevor: „Ein Video kann keinen Zeitzeugen ersetzen.“ Daher sei die Auseinandersetzung mit einzelnen Biographien und den lokalen Bezügen umso wichtiger, damit das Thema lebendig bleibe.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


Artikelarchiv seit 2005

In unserem Artikelarchiv finden Sie alle Berichte aus und über Imshausen geordnet nach Jahren:

2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005