Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Film über den Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker

Forschung um jeden Preis?

Als „göttliche Gnade“ bezeichnete der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker die Tatsache, dass es den deutschen Physikern nicht gelang, die Atombombe vor Ende des Zweiten Weltkrieges zu bauen. Sein Leben und Denken steht im Mittelpunkt des Filmes „Kreisgang“, den Weizsäckers Tochter, die Historikerin Dr. Elisabeth Raiser über ihren Vater gedreht hat. Raiser stellte ihren Film im Imshäuser Herrenhaus vor, in dem in den späten 1940er Jahren schon ihr Vater in einem von Werner von Trott einberufenen Kreis, der „Gesellschaft Imshausen“, über Neuordnungspläne für das kriegszerstörte Deutschland nachgedacht hat.

Das Bild des Kreisgangs stand für Weizsäcker für eine Gedankenbewegung, bei der man mit jedem Durchschreiten eines Kreises eine neue Stufe der Erkenntnis erreicht. Philosophie und Physik waren für ihn eng miteinander verbunden: Er sah den „Abglanz Gottes“ in den Gesetzen der Physik. Der Krieg war für den 1912 geborenen Carl Friedrich von Weizsäcker schon während seiner Kindheit ein ständiger, als „fernes Gewitter“ wahrgenommenes Phänomen. Und je mehr er sich als Physiker mit der Möglichkeit beschäftigte, dass seine wissenschaftliche Forschung auch für militärische Zwecke Verwendung finden konnte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass Wissenschaft nicht im luftleeren Raum existieren kann, sondern immer eine hohe Verantwortung für die Menschen und ihre Zukunft übernehmen muss. Weizsäcker bemühte sich daher, von innen her Entwicklungen zu beeinflussen. Seine enge Verbindung zu Forschern wie Werner Heisenberg, Otto Hahn und Niels Bohr ermöglichte es ihm, bahnbrechende Entwicklungen aus erster Hand zu erleben und mitzugestalten.

Imshäuser Gespräch mit Dr. Elisabeth Raiser.

Elisabeth Raisers Film beschränkt sich jedoch nicht darauf, Carl Friedrich von Weizsäcker als positiven Helden zu darzustellen. Er thematisiert auch die ambivalenten Seiten des Vaters: Seine Beeinflussbarkeit, seine engen Freundschaften einerseits und sein großes Bedürfnis nach Einsamkeit, sein Nicht-Handeln in einigen Schlüsselsituationen. Dass er darunter im Rückblick sehr litt, mach sein ein von ihm geschriebenes Gedicht deutlich, das in den Worten: „Furchtbare Klugheit, die mir riet Geduld. Schuld! O Schuld!“ gipfelte. Es ist nicht nur der liebevolle Blick der Tochter, der dieses Filmdokument zu etwas sehr Besonderem macht, sondern auch die vielen Gesprächssequenzen mit Weggefährten, in denen die Person Weizsäcker deutliche Konturen bekommt.

Gerade in der zweiten Hälfte seines Lebens gewannen die ethischen, politischen und philosophischen Fragen für Weizsäcker zunehmend an Bedeutung. Er prägte den Begriff der „Weltinnenpolitik“, er formulierte die Erklärung der „Göttinger 18“, in der führende Atomphysiker den Verzicht auf eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik forderten und prägte die Arbeit der Friedensbewegung sowie den konziliaren Prozess in den Kirchen. Noch im Alter von fast 80 Jahren blieb er ein Suchender und Lernender. „Ich muss umlernen“ sagte er da, konfrontiert mit der erschütternden Armut in den Ländern des Südens. Die Suche nach einer universellen Weltformel und einer Urtheorie bestimmten sein Leben fast bis zum Schluss. Wie weit Weizsäckers Einfluss auch in einzelne Gruppen, Kirchengemeinden, in oppositionelle Initiativen der damaligen DDR reichte, wurde in der Diskussion in Imshausen deutlich, die sich an die Filmpräsentation anschloss.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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