Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Diskussion über Verantwortung in der Wissenschaft mit Göttinger Unipräsidentin Beisiegel

Freiheit braucht Leitplanken

Wissenschaft findet nicht im luftleeren Raum oder im viel zitierten Elfenbeinturm statt. Sie wirkt direkt mit ihren Erkenntnissen und Entwicklungen in die Gesellschaft hinein. Das machte die Präsidentin der Universität Göttingen Prof. Dr. Ulrike Beisiegel in ihrem Vortrag anlässlich des Imshäuser Jahrestreffens der Stiftung Adam von Trott unmissverständlich klar. Dabei, so betonte Beisiegel, gehe es nicht nur um die Verantwortung der Wissenschaften für die Gesellschaft, sondern auch darum, die Qualität der Forschung und Lehre selbst zu sichern.

Für Ulrike Beisiegel, die selbst Biochemikerin ist, gehört die Beschäftigung mit ethischen Grundfragen und mit den „Technikfolgen“ wissenschaftlicher Forschung auch zur persönlichen Biographie. Sie berichtete von ihrer eigenen Sozialisation in der Friedensbewegung der 1980er Jahre, in denen gerade Naturwissenschaftler sich sehr kritisch mit dem Wettrüsten auseinandergesetzt hätten, das besonders durch die Forschung in ihren Disziplinen möglich geworden sei. Beisiegel erinnerte in diesem Zusammenhang noch einmal an die „Göttinger 18“, die sich vor 60 Jahren vehement gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen gewandt hatten. Man habe viele Technologien entwickelt, über deren gesellschaftliche Folgen man bis heute zum Teil immer noch zu wenig wisse.

Die Präsidentin der Universität Göttingen Prof. Dr. Ulrike Beisiegel beim Imshäuser Jahrestreffen.

Sie sei froh darüber, dass ihr ihre Arbeit als Universitätspräsidentin und als Mitglied verschiedener Verbände die Möglichkeit gebe, sich auch wissenschaftspolitisch zu engagieren. Gerade den Fragen nach der Verantwortung von Wissenschaft fühle sie sich stark verpflichtet. Wichtig sei eine sorgfältige Abwägung der Folgen wissenschaftlicher Forschung, eine gute Kommunikation in die Gesellschaft hinein und kritisches Hinterfragen und Überprüfen. Die Wissenschaft müsse sich vor allem der Suche nach der Wahrheit verpflichtet fühlen, es müsse genügend Zeit und Raum für Zweifel sowie für einen offenen, transparenten und interdisziplinären Diskurs geben. Schließlich seien die Universitäten und Hochschulen nicht nur Forschungseinrichtungen, sondern auch Ausbildungsstätten für die zukünftigen Fach- und Führungskräfte. Ihnen müsste man das Bewusstsein für Verantwortung mit auf den Weg geben. Gerade in Göttingen würden diese Fragen in besonderer Weise aufgegriffen. Die Universitätspräsidentin nannte hier als eines von mehreren Beispielen die alljährlich stattfindenden Nachhaltigkeitskonferenzen, die sie mit initiiert habe und in denen aus der Sicht verschiedener Disziplinen diese Fragen intensiv diskutiert würden. Seit dem vergangenen Jahr ist die Stiftung Adam von Trott als Kooperationspartnerin auch an diesen Konferenzen aktiv beteiligt. Gerade Adam von Trott sei ein Vorbild in Bezug auf Weltoffenheit und Verantwortungsbewusstsein. Daher sei die Kooperation mit Imshausen auch in dieser Hinsicht wegweisend.

In der anschließenden Diskussion wurden weitere Facetten des Themas beleuchtet. Auftragsforschung und die Bedeutung von Drittmitteln, die Beziehung der Wissenschaft zur Macht und der Einfluss von Nichtregierungsorganisationen als zivilgesellschaftliches Korrektiv waren nur einige Themen, zu denen Ulrike Beisiegel kritisch befragt wurde.

Die Freiheit der Lehre, konstatierte Beisiegel, müsse jederzeit gewährleistet sein. Sie sei zwangsläufig verbunden mit Verantwortung, benötige jedoch auch etwas Steuerung. Man müsse darüber nachdenken, welche „Leitplanken“ benötigt würden, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der Gewissensentscheidungen honoriert würden. Gerade in Zeiten von Fake News und Digitalisierung sei es dringend notwendig, darüber nachzudenken, wie man sinnvolle Informationen von denen unterscheiden könne, die den Menschen unmündig machten. Und mit eindimensionalen Lösungen, so Beisiegel, könne man eine komplexer werdende Welt nicht erklären.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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