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Von der göttlichen und technischen Überwachung – Imshäuser Gespräch mit Hanna Reichel

Nicht nur Gott weiß, was wir denken

George Orwells Buch „1984“ ist eine der bekanntesten Visionen, die den Begriff der Überwachungsgesellschaft illustrieren. Zwar leben die meisten Menschen heute in sehr viel freieren Systemen als in dem von Orwell beschriebenen, in technologischer Hinsicht hat die Realität die Literatur jedoch bei weitem überholt. Das machte die Theologin Dr. Hanna Reichel aus Halle im Imshäuser Gespräch auch mithilfe des Brückenschlages in theologische und ethische Sichtweisen eindringlich deutlich.

Überwachung diene zum Teil durchaus nützlichen und sinnvollen Zwecken, wie beispielsweise der Verkehrssteuerung, der Kriminalitätsbekämpfung und der Wissenschaft. Aber auch das Bedürfnis des Menschen nach Selbstoptimierung und Bequemlichkeit sowie gewichtige wirtschaftliche Interessen, die auch mithilfe personalisierter Werbung realisiert werden sollten, seien gewichtige Gründe dafür, dass über uns alle nicht nur bei Google, Facebook und Amazon unvorstellbare Menge an Daten gesammelt würden.

Die Theologin Dr. Hanna Reichel aus Halle im Imshäuser Gespräch.

Und „Big Data“ sei, so betonte Reichel, in unserem Alltag sehr viel präsenter, als wir dies allgemein vermuteten. Nicht nur die, die kalorienzählende Armbänder trügen und ihre Stimmungen und Aufenthaltsorte auf Instagram oder Facebook teilten, würden viel mehr preisgeben als sie ahnten. Durch Verknüpfungen und neue Auswertungsmechanismen (so genannte Algorithmen) können Daten aus unterschiedlichen Quellen so miteinander verknüpft werden, dass in vielen Fällen Dinge offenbar würden, die nach dem Willen des Betroffenen wohl eher nicht offenbar werden sollten. Reichel illustrierte dies indem sie schilderte, wie aus den gesammelten Daten Rückschlüsse auf gesundheitliche Probleme wie Depressionen gezogen werden könnten, wie Prognosen darüber getroffen werden könnten, ob jemand kriminell werde oder vorhabe, in nächster Zeit schwanger zu werden. Unsere Daten, so Reichel, sagten viel mehr und ganz andere Dinge über uns aus, als wir dächten. Und wir seien durch gezielte Werbung deutlich manipulierbar in unseren Entscheidungen und unserem Tun.

Hanna Reichel zog die Verbindung zwischen Theologie und Big Data, indem sie betonte, dass es in beiden Bereichen vor allem um das Spannungsverhältnis zwischen übermenschlichem Wissen, der Vorhersagbarkeit der Zukunft und menschlicher Freiheit gehe. Die Vorstellung von Gottes Allmacht und Allgegenwart habe bei den Menschen schon immer auch ambivalente Gefühle ausgelöst, sie sei nur auszuhalten, weil Gott eben keine kalte und blinde Schicksalsmacht sei, sondern ein fürsorgender Schöpfer. Die Vorstellung, dass das Schicksal des Menschen bei Gott bereits vorhergesehen werde, führe daher gerade nicht zur Resignation und zur Beschwichtigung. Sie könne – wie dies auch bei Dietrich Bonhoeffer deutlich werde – geradezu zum Ort des Widerstandes gegen die herrschenden Verhältnisse werden.

Der Glaube an Big Data habe heute, so betonte Reichel, quasi-religiöse Züge angenommen. Die Logik des christlichen Glaubens sei jedoch eine völlig andere: Sie betone, dass der Mensch mehr sei, als die gesammelten Daten über seine Vergangenheit. Er habe das Potenzial ein Anderer zu werden. Damit, so die Theologin Reichel, eröffne Gott Zukunft und ermögliche Neues. Die christliche Tradition bezeichne dies mit dem Begriff „Gnade“.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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