Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zum Historikerstreit mit Dr. Gerrit Dworok

Mehr als ein Aufruhr im Elfenbeinturm

Wie bewertet und betrachtet man Geschichte? Und wie prägen Geschichtsschreibung und Geschichtspolitik das Selbstverständnis der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland? Diese Fragen bestimmten vor 30 Jahren den so genannten „Historikerstreit“, der viel mehr war, als nur eine in den Feuilletons geführte Debatte unter Fachwissenschaftlern. Bis heute, so betonte der aus Rotenburg stammende Historiker Dr. Gerrit Dworok im Imshäuser Gespräch, sei kein Satz dieser Debatte unumstritten, das Nachdenken über den Historikerstreit rufe immer noch starke Reaktionen hervor.

Für Gerrit Dworok, der sich im Zuge seiner Promotion intensiv mit dem Thema befasst hat, ist der öffentlich ausgetragene Historikerstreit eine bundesrepublikanische Schlüsseldebatte, die nicht nur die Bewertung der nationalsozialistischen Verbrechen thematisierte, sondern wesentliche gesellschaftliche Fragen des Selbstverständnisses und der Nationwerdung der Bundesrepublik aufgeworfen habe.

Dr. Gerrit Dworok zum Historikerstreit im Imshäuser Gespräch.

Beteiligt gewesen seien nicht ausschließlich Historiker, sondern auch Vertreter anderer Disziplinen, wie nicht nur die Beteiligung des Philosophen Jürgen Habermas zeige, der den Streit auslöste, indem er im Sommer 1986 in einem Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ einigen Historikern – unter anderem Ernst Nolte und Andreas Hillgruber – eine neokonservativ geprägte, den Holocaust relativierende Haltung vorwarf. Daraus habe sich dann eine öffentlich ausgetragene Kontroverse entwickelt, die schnell den Charakter einer Auseinandersetzung zwischen linksliberalen und liberal-konservativen Vertretern angenommen habe. Die Bedeutung des Historikerstreits, so Dworok, sei auch der Politik sehr schnell bewusst geworden: So habe der Bundestag als Reaktion darauf eine breit angelegte Kulturdebatte geführt. Die Diskussion um den Holocaust habe damals eine neue – stärker auf die Opfer der NS-Verbrechen zentrierte – Perspektive bekommen. Außerdem habe es zu dieser Zeit eine intensive Debatte um geschichtspolitische Themen gegeben,, die in der Debatte um die Gestaltung des Hauses der deutschen Geschichte in Bonn und des Deutschen Historischen Museums in Berlin gegipfelt habe. Diese sei mitnichten nur eine Kontroverse um zwei Museen gewesen, im Kern sei es um die Haltung der Bundesrepublik zur Nation und zur eigenen Identität gegangen. Die Geschichtspolitik sollte nach dem Willen von Bundeskanzler Helmut Kohl eine wichtige Rolle bei der Ausbildung eines positiven Nationalgefühls spielen. Gerade der Historikerstreit, so Dworok, sei ein wichtiges Element dieser Gesamtdebatte gewesen. Die wichtigsten Fragen, die die Debatte aufgeworfen habe, seien in aller Kürze auf „Wer waren wir?“, „Wer sind wir?“ und „Wer wollen wir sein?“ zu zentrieren.

Wie stark das Echo des Historikerstreits auch in der breiteren Öffentlichkeit spürbar war, zeigte sich in der lebhaften Diskussion, die sich an den Vortrag von Gerrit Dworok anschloss. Hier wurde auch die Frage diskutiert, ob die Entwicklung neuer Nationalismen in der Gegenwart möglicherweise auch mit einem „Unbehagen an der Gedenkkultur“ in Zusammenhang stehe. Offensichtlich fühlten sich Teile der Gesellschaft in ihrer Haltung zu Nation und Gedächtnis nicht ausreichend wahrgenommen. Dworok betonte, dass es ihm nicht darum gehe, unumstößliche Wahrheiten zu verbreiten. Ihm sei es wichtig – und das sei auch ein wesentliches Element in seiner Arbeit als Geschichtslehrer und Universitätsdozent – Menschen mit unterschiedlichen Haltungen ins Gespräch zu bringen. Das bedeute auch, dass man in der Lage sein müsse, auch unterschiedliche Haltungen nebeneinander bestehen zu lassen und sich in der sachlichen Auseinandersetzung gegenseitig zu respektieren. Auch jetzt, mehr als 30 Jahre nach dem Historikerstreit, stünden die offenen Fragen weiterhin deutlich im Raum. Für ihn, so betonte Dworok, sei allerdings die Gedenkkultur und die Frage der Haltung zur Nation untrennbar mit einer Einbettung in den europäischen Rahmen verbunden.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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(Journalist) Berlin
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