Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zur Ärztin und „Religionsphilosophin“ Mathilde Ludendorff

Frauenrechtlerin und Wegbereiterin der NS-Ideologie

Der Kampf um Frauenrechte und völkisches Denken – das klingt zunächst nach einem deutlichen Widerspruch, nach dem Streben nach gesellschaftlichem Fortschritt einerseits und dem Beharren in einer vermeintlich besseren Vergangenheit anderseits. Dass dies nicht zwangsläufig so verstanden werden muss, machte die Leiterin des Eschweger Stadtarchivs und -museums Dr. Annika Spilker im Imshäuser Gespräch deutlich, in dem sie ihr Buch über Mathilde von Kemnitz-Ludendorff vorstellte.

Spilker beschränkte sich in ihrem Vortrag nicht darauf, die Biographie Mathilde Ludendorffs darzustellen. Sie zeigte, dass es deutliche Kontinuitäten gibt, deren Wirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Die Leiterin des Eschweger Stadtarchivs und -museums Dr. Annika Spilker im Imshäuser Gespräch.

Mathilde Ludendorff war eine Frau, die einen für ihre Generation eher ungewöhnlichen Lebensweg einschlug. 1877 in eine Pfarrersfamilie geboren, absolvierte sie zunächst eine Lehrerinnenausbildung, um später das Abitur nachzuholen, Medizin zu studieren und dann als eine der ersten promovierten und approbierten Ärztinnen in Deutschland als Psychiaterin tätig zu werden. Wissenschaftlich befasste sie sich zudem mit Fragen der Lebens- und Sexualreform sowie der „Rassenhygiene“.

Politisch war sie bis in die 1920er Jahre hinein im rechten Spektrum zu verorten. Annika Spilker führte aus, dass sie sich im Lauf der Zeit zunehmend antidemokratischen, rassistischen und antisemitischen Strömungen annäherte. Nach der Eheschließung mit dem Weltkriegsgeneral und Putschisten Erich Ludendorff, der als Urheber der „Dolchstoßlegende“ gilt, habe Mathilde Ludendorff sich zunehmend mit religionsphilosophischen Fragen befasst, die in der Schaffung einer „arteigenen“ Religion angeblich altgermanischen Ursprungs gipfelten, in der die „Edda“ und esoterische Vorstellungen eine wesentliche Rolle spielten. Sie sei zunehmend überzeugt gewesen, dass eine durch eine jüdische Verschwörung verursache Weltenwende unmittelbar bevorstehe. Der von Erich Ludendorff gegründete und von Mathilde Ludendorff nach ihrer Eheschließung maßgeblich beeinflusste, noch heute existierende „Ludendorffbund“ habe dabei eine wesentliche Funktion gehabt. Die Gleichrangigkeit der Geschlechter spielte dabei für Mathilde Ludendorff eine wesentliche Rolle, allerdings nahezu ausschließlich bezogen auf die Stellung der arischen Frau. Die Existenz der Frauenbewegung sei, so führte Spilker aus, als Zeichen dafür gedeutet worden, dass die arische Frau um ihre Freiheit kämpfe. Allerdings habe Ludendorff gerade die bürgerliche Frauenbewegung stark kritisiert, weil diese ihrer Ansicht nach unter jüdischen Einfluss geraten sei. Ihr sei es darum gegangen, die Frauenbewegung wieder auf den „rechten“ Weg zu bringen.

Mathilde Ludendorff und ihr Ehemann seien zwar nach anfänglicher Zusammenarbeit schon 1933 bei den Nationalsozialisten in Ungnade gefallen, man könne sie, so Spilker, jedoch durchaus zu den ideologischen und theoretischen Wegbereitern des Nationalsozialismus zählen.

Der Einfluss völkischer und populistischer Bewegungen, das wurde sowohl in Annika Spilkers Vortrag als auch in der anschließenden, sehr intensiven Diskussion deutlich, ist bis heute wahrnehmbar. Eine wesentliche Frage, die im Gespräch erörtert wurde, war die, wie sich gerade bei intelligenten Menschen Hass eine Bahn brechen kann. Auch wenn die Ludendorffbewegung selbst heute eher ein Nischendasein führt, bemüht sie sich ebenso wie andere rechtspopulistische und -extreme Bewegungen, mit dem Angebot einfacher Lösungen für komplexe Fragen um neue Anhänger und um engere Vernetzungen. Dass Frauen auch in diesem Spektrum eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, lässt sich nicht nur anhand der Rolle Beate Zschäpes im NSU-Prozess deutlich machen. Einigkeit herrschte am Ende darüber, dass mit Vereinfachungen und einfach gestrickten Feindbildern ist antidemokratischem und rassistischem Denken nicht beizukommen ist.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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Imshäuser Gespräche

'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
Dazu lädt die Stiftung kompetente Personen als Referentinnen/ Referenten ein. Einem einführenden Vortrag folgt jeweils eine ausführliche Aussprache.
Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.



Donnerstag, 20. Juli 2017, 18.00 Uhr
Zum Gedenken an Adam von Trott zu Solz und seine Freunde
Die Gedenkrede hält
Gerhard Rein
(Journalist) Berlin
Imshäuser Kreuz

Samstag, 02. September 2017
Imshäuser Jahrestreffen
14.15 Uhr: Andacht in der Krypta des Herrenhauses
14.30 Uhr: Mitgliederversammlung im Herrenhaus
16.30 Uhr: Öffentliche Veranstaltung mit Prof. Dr. Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen
Anschließend gemeinsames Abendessen.
Herrenhaus Imshausen