Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch mit dem Stadt- und Regionalökonomen Prof. Dr. Eberhard von Einem

Bezahlbarer Wohnraum – eine Voraussetzung für gelingende Integration

Wie kann die Unterbringung von Menschen, die vor Menschenrechtsverletzungen und Krieg geflohen sind, gelingen? Wie schaffen wir es, genügend bezahlbaren Wohnraum für alle zu schaffen? Diese beiden Fragen standen im Mittelpunkt des Imshäuser Gesprächs, für das die Stiftung Adam von Trott den in Berlin und in Jestädt bei Eschwege lebenden Stadt- und Regionalökonomen Professor Eberhard von Einem als Gesprächspartner eingeladen hatte.

Nach ihrem Statement „Wir schaffen das!“ sei die Bundeskanzlerin, so von Einem, sehr schnell in die Defensive geraten. Es gebe bis jetzt keine Strategie und kein Konzept, das die viel beschworene Integration ganzheitlich betrachte und in die Praxis umsetze, vielfach habe man sich weitgehend auf die Unterstützung durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer verlassen. Integration sei mehr als nur die Aufnahme gefährdeter Menschen. Sie umfasse unter anderem die medizinische Versorgung, Bildungschancen, eine soziale Willkommenskultur und in besonderer Weise den Wohnungsbau.

Der Stadt- und Regionalökonom Professor Eberhard von Einem im Imshäuser Gespräch.

In Bezug auf den Wohnungsbau zog von Einem eine ernüchternde Bilanz: Nach der Kappung der öffentlichen Förderung für den Sozialen Wohnungsbau vor 15 Jahren würden – vor allem in Ballungsräumen – kaum noch Wohnungen im unteren Preissegment gebaut. Andererseits erfahre der Bau hochwertiger und teurer Wohnungen derzeit einen großen Aufschwung. Die Profitorientierung im Wohnungsbau spiegele sich, so von Einem auch bei den Richtlinien Kreditvergabe wider: Wer nicht nachweisen könne, dass er als Bauträger eine möglichst hohe Rentabilität seiner Tätigkeit anstrebe, habe es schwer, einen Kredit für einen geplanten Bau zu bekommen. Dies führe dazu, dass Wohnraum insbesondere in den großen Städten zu einer knappen und begehrten Ressource geworden sei, um die nicht nur Geflüchtete, sondern auch andere sozial schwächer gestellte Menschen konkurrierten. Demgegenüber stünden in ländlichen und strukturschwächeren Regionen zunehmend Wohnungen leer.

Die zunehmende Anziehungskraft rechtspopulistischer Bewegungen brachte von Einem unter anderem mit einer konzeptlosen Integrations- und Wohnungsbaupolitik in Verbindung. Es seien in großem Maße Menschen, die sich abgehängt fühlten, die zu Protest- oder Nichtwählern würden. Durch eine tatkräftige und entschiedene Politik, die auch ein Neudenken der Wohnungspolitik einschließe, könne dem rechten Rand tatsächlich der Rückhalt genommen werden.

Als Beispiel für Integration im ländlichen Raum führte von Einem das Beispiel einer afghanischen Familie an, die nun seit einem Jahr in einem Dorf in Nordhessen lebe. Zwar habe es durchaus problematische Situationen gegeben und die Eltern sprächen auch jetzt noch sehr mangelhaft Deutsch, die Kinder hingegen seien sowohl sprachlich als auch schulisch sehr zielstrebig und erfolgreich. Die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten in ländlichen Gebieten biete für beide Seiten langfristig Chancen. Sie könne dem demographischen Wandel entgegenwirken und könne, bei guter Vorbereitung gute Integrationschancen bieten. Sie müsse aber immer gut begleitet werden und auch die Probleme, die entstehen könnten, müssten offen angesprochen werden. Die Politik und die Verwaltungen, so forderte von Einem, dürfen hier nicht „kneifen“. Stadtferne Regionen dürften keinesfalls aufgegeben werden und die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und Akteuren sei enorm wichtig.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
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Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.



Freitag, 30. Juni 2017, 19.00 Uhr | Imshäuser Gespräch
Big Data und die Vorsehungslehre
Vortrag und Gespräch mit
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Theologin (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)
Herrenhaus Imshausen

Donnerstag, 20. Juli 2017, 18.00 Uhr
Zum Gedenken an Adam von Trott zu Solz und seine Freunde
Die Gedenkrede hält
Gerhard Rein
(Journalist) Berlin
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