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Imshäuser Gespräch zu Kindern im Konzentrationslager Auschwitz

„Damals hörte meine Kindheit auf“

Vor 72 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Unter den Menschen, die die Sowjets damals dort vorfanden, waren auch Kinder, manche wurden sogar im Lager geboren. Doch ihre Überlebenschancen waren vergleichsweise gering: Wer nicht als arbeitsfähig eingestuft wurde, wurde meistens unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Von den schätzungsweise 232.000 Kindern – vor allem Juden, aber auch Sinti und Roma – die aus ganz Europa nach Auschwitz deportiert worden waren, konnten nur 650 befreit werden.

Der Journalist Alwin Meyer, der sich in langjährigen Recherchen intensiv mit den Schicksalen einiger Überlebender beschäftigt hatte, stellte sein Buch „Vergiss deinen Namen nicht“ im Imshäuser Gespräch vor und bemühte sich, die Gesichter hinter den Zahlen wieder sichtbar zu machen.

Der Journalist Alwin Meyer stellte sein Buch „Vergiss deinen Namen nicht“ im Imshäuser Gespräch vor.

In Bildern und Auszügen aus seinem Buch stellte Meyer einige der überlebenden Kinder vor und schilderte nicht nur ihre Eindrücke aus dem Lager, sondern auch ihre Lebenswege in der Nachkriegszeit, die zutiefst durch ihre Erfahrungen in Auschwitz geprägt waren. Meyer betonte, dass nicht nur die Überlebenden selbst, sondern auch ihre Kinder und Enkel schwer an dem Erbe des Holocaust trügen. Dies gelte auch und insbesondere dann, wenn nicht über die Erinnerungen gesprochen würden. Viele der Überlebenden, mit denen er im Laufe der letzten Jahre gesprochen habe, so Meyer, hätten vorher kaum oder nie über ihre Zeit in Auschwitz gesprochen. Dennoch seien selbst bei Kindern, die zur Zeit der Befreiung des Lagers noch sehr klein gewesen seien, deutliche Spuren zu beobachten gewesen. Besonders eindringlich schilderte Meyer dies am Beispiel eines Jungen, der jahrelang nicht habe glauben können, dass Menschen auch auf natürliche Weise sterben könnten und nicht nur durch Mord. „Damals hörte meine Kindheit auf“ - dieser Satz von Jürgen Löwenstein, der heute in einem Kibbuz in Israel lebt, ist wohl exemplarisch für viele der Kinder, die nach Auschwitz und in andere Lager deportiert wurden. Erwachsene, die ihre Kinder nicht schützen konnten, der Verlust der Familien und das brutale, von Willkür gekennzeichnete Lagerleben, in dem viele der Kinder Opfer von pseudomedizinischen Versuchen wurden waren nur einige der schrecklichen Erfahrungen, die die überlebenden Kinder zu verarbeiten hatten. Und auch nach der Befreiung begegneten ihnen viele Menschen in ihren alten Heimatorten mit Misstrauen und Ablehnung. Sie mussten nach ihrer Befreiung das Leben – viele auch den „normalen“ Alltag, den sie kaum kannten – wieder neu lernen. Die meisten hatten ihre Angehörigen verloren, bei manchen sehr kleinen Kindern ließ sich auch die Herkunft und der Name nur schwer oder überhaupt nicht mehr klären.

Dem Publikum im Imshäuser Herrenhaus wurde sehr schnell deutlich, dass das mehr als 700 Seiten umfassende Buch für den Autor Alwin Meyer sehr viel mehr ist, als nur ein Buchprojekt, er selbst bezeichnete es als Lebensaufgabe. Über mehrere Jahre ist Meyer in mehrere Länder (unter anderem Israel, die USA und Polen) gereist, um Gespräche mit den Überlebenden zu führen, die als Kinder im Lager waren. Vielen von ihnen sei das Sprechen zunächst sehr schwergefallen, nicht zuletzt, weil er Deutscher sei, berichtete er. Ihm gehe es nicht darum, mithilfe eines Kurz-Interviews einen möglichst spektakulären Ausschnitt aus den Lebensgeschichten dieser Menschen zu erzählen, so Meyer. Er interessiere sich für den ganzen Menschen. Viele der Überlebenden hat Meyer mehrfach besucht, die meisten Gespräche erstreckten sich über viele Stunden. Einer der Gesprächspartner, der mittlerweile ein guter Freund von ihm geworden sei habe ihn einmal sehr treffend als „Berufenen“ bezeichnet.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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