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Der palästinensisch-israelische Konflikt aus deutscher Sicht

Wege aus dem Dilemma

„Wenn der Konflikt nicht gelöst wird, wird Israel vielleicht überleben, aber es wird nicht gut leben. Und die Auswirkungen werden auch bei uns deutlich spürbar sein.“ Dieses Fazit zog der Friedensforscher Professor Gert Krell aus Frankfurt beim Imshäuser Gespräch, in dem der Nahost-Konflikt aus der deutschen Perspektive beleuchtet wurde.

Historische Verantwortung spiele aus nachvollziehbaren Gründen vor allem in Bezug auf das deutsch-israelische Verhältnis eine wesentliche Rolle: Immer wieder, so Krell, werde der Holocaust als einer der ausschlaggebenden Gründe für die Gründung des Staates Israel auf palästinensischem Boden angeführt. Damit seien deutsche und europäische Probleme an die palästinensischen Araber delegiert worden. Das allerdings allein in die deutsche Verantwortung zu legen bezeichnete Gert Krell als Verkürzung. Selbstverständlich sei der Holocaust ein singuläres Menschheitsverbrechen. Es sei jedoch nicht allein der deutsche Antisemitismus gewesen, der zur Gründung des Staates Israel geführt habe, sondern insgesamt eine Bewegung in Europa, bei der Nationalismus, Antisemitismus und koloniale Expansionsbestrebungen eine wesentliche Rolle gespielt hätten. Auch den in den arabischen Ländern bereits lange vor 1948 spürbaren Antisemitismus und Vertreibungsdruck müsse man bei der Analyse der Wurzeln des Konfliktes mit einbeziehen. Mittelbar seien auch die Palästinenser Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, auch wenn es in Bezug auf Antisemitismus durchaus Schnittmengen zwischen Nationalsozialisten und arabischem Antisemitismus gegeben habe. Zwar dürfe man auch die arabische Seite nicht kollektiv für die Entstehung des Konfliktes haftbar machen, dennoch habe, so betonte Krell, gerade die Tatsache, dass führende Vertreter der arabischen Muslime bereitwillig mit den Nationalsozialisten kollaboriert hätten, eine nicht unwichtige Rolle gespielt.

Der Friedensforscher Professor Gert Krell aus Frankfurt beim Imshäuser Gespräch.

Für einen stabilen Frieden im Nahen Osten brauche es – und das verpflichte gerade Deutschland in besonderer Weise – ein entschiedenes Auftreten gegen jede Form von Rassismus und insbesondere Antisemitismus sowie stabile und freundschaftliche Beziehungen zu Israel. Aber auch Israel müsse zumindest glaubwürdig die Bereitschaft versichern, seine Ansprüche auf die Westbank und Ostjerusalem aufzugeben, sich ernsthaft mit den Palästinensern in der Flüchtlingsfrage zu verständigen und das Embargo gegenüber Gaza zu beenden. Dabei seien auf beiden Ängste im Spiel, die gerade die deutsche Seite respektieren müsse.

Deutschland, so Krell, könne einen möglichen Friedensprozess in besonderer Weise durch das Angebot diskreter und offener diplomatischer Beiträge sowie durch wirtschaftliche Hilfe und Unterstützung bei Beobachtung der Umsetzung der Einigungsbemühungen fördern. Zwar solle Deutschland nicht unbedingt die Vorreiterrolle beim Ausüben von Druck spielen, es solle sich aber durchaus politisch und diplomatisch klar positionieren. Auch wenn die Lage extrem kompliziert sei, sei es bitter nötig, dass beide Seiten eine Perspektive für Überleben und Wohlergehen bekämen. Die derzeitige Situation bezeichnete Gert Krell als auf Dauer unhaltbar, eine Patentlösung gäbe es nicht. Lösbar sei der Konflikt zwischen Israel und Palästina allerdings eigentlich nicht. Das, so Krell habe der zionistische Politiker David Ben Gurion bereits 1919 konstatiert. Die einzige Möglichkeit sei ein Kompromiss, der die Existenz des Staates Israel sichere und zugleich den Palästinensern eine Zukunftsperspektive biete. Gerade die Zersplitterung der palästinensischen Gebiete durch die israelische Siedlungspolitik sei dafür jedoch ein gravierendes Hindernis.

Die schwierigsten Konflikte, so zitierte Krell, seien immer die, bei denen beide Seiten recht hätten.

Vortrag von Professor Gert Krell als PDF

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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