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Imshäuser Gespräch mit Dr. Reiner Becker vom Demokratiezentrum Marburg

Integration als gesellschaftliche Aufgabe

Eine steigende Zahl von Straf- und Gewalttaten gegen Flüchtlinge und zunehmende Drohungen gegen Kommunalpolitiker sind nur zwei von vielen Symptomen für die Polarisierung unserer Gesellschaft. Zur Polarisierung kommt noch eine durch Unsicherheit gekennzeichnete „Suchbewegung“ in der Mitte, die von Bewegungen wie PEGIDA und populistischen Parteien wie der AfD bereitwillig aufgegriffen wird. Dieses Fazit zog der Politikwissenschaftler Dr. Reiner Becker vom Demokratiezentrum der Marburger Universität. Becker, der intensiv zu den Themen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit forscht und seine Kollegen vom hessischen Beratungsnetzwerk geben zudem sehr praktische Hilfestellungen in Form von Beratung nach rechtsextremistischen Vorfällen oder Schulungen für Kommunalpolitiker in ganz Hessen.

Der Referent hob in seinem Impuls vor allem die Bedeutung des Ehrenamtes für die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen hervor. Wenn die vielen ehrenamtlich Helfenden gefehlt hätten, die nun an vielen Orten der diffusen Fremdenangst eine Willkommenskultur entgegensetzten, so betonte er, wäre es spätestens im Herbst 2015 zu einem Staatsnotstand gekommen. Doch vielfach gerieten nicht nur Kommunalpolitiker, die sich für Flüchtlinge und gegen fremdenfeindliche Stimmungen einsetzten, sondern auch Ehrenamtliche zunehmend unter Druck. Dadurch gerate das zivilgesellschaftliche Engagement an manchen Orten sichtlich in Gefahr.

Der Politikwissenschaftler Dr. Reiner Becker vom Demokratiezentrum der Marburger Universität.

Die öffentliche Stimmung zeige sich zunehmend fragil. Nicht erst die aktuelle „Mitte-Studie“ zeige, so Becker, dass die etablierte Politik dem nur schwer etwas entgegensetzen könne. Spätestens seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln sei die Debattenkultur regelrecht verroht. Das verunsichere nicht nur Menschen, die sich vor Statusverlust und Überfremdung fürchteten, sondern auch die Menschen mit Migrationshintergrund, die sich zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt sähen. Becker kritisierte, dass gerade in der Politik gelegentlich opportunistisch mit Stimmungen in der Bevölkerung umgegangen werde, sodass vorhandene Ängste weiter geschürt würden. Der Anteil der Fremdenfeindlichkeit sei vor allem da sehr hoch, wo der Ausländeranteil am niedrigsten sei. Daher könne man, so Becker, darauf schließen, dass persönliche Erfahrung mit Integration entscheidend dazu beitrüge, dass Misstrauen und Vorurteile abgebaut würden.

Auch die Debatten in den sozialen Netzwerken trügen dazu bei, dass die Hysterie und die Polarisierung in der Gesellschaft wachse: Sie geschähen nahezu in Echtzeit und ließen kaum noch Raum zum Nachdenken.

Möglichkeiten und Chancen für ein Gegensteuern und für eine gelingende Integration machte Reiner Becker vor allem im ländlichen Raum aus. Durch eine dezentrale Unterbringung in kleinen Einheiten, eine übersichtliche Lebenssituation und eine häufig vorhandene, große Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement seien hier echte Vorteile gegenüber der Unterbringung in Städten auszumachen. Wichtig sei jedoch auch hier, dass es eine gute Kommunikation zwischen politisch Verantwortlichen und der Bevölkerung gebe. Faktische Missstände müssten offen angesprochen und zügig gelöst werden. Es müsse der Versuch unternommen werden, Flüchtlinge mit ihren Fähigkeiten wahrzunehmen und nicht als Bedrohung. Auch die ehrenamtlich Helfenden bräuchten intensive Unterstützung, um nicht auszubrennen und sich resigniert zurückzuziehen.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem das Interkulturelle Zentrum in Bad Hersfeld als ein Ort vorgestellt, an dem Integration praktisch, lebendig und lokal gelebt wird.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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