Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Lesung mit Hermann Vinke aus der Biographie über den „Retter des Pianisten“

Der moralische Kompass blieb intakt

Griechenland ist – anders als in der ersten Hälfte des Jahres – kaum noch ein Medienthema. Das bedeutet nach Einschätzung von Christos Katsioulis, der das Athener Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung leitet nicht, dass die Situation sich seitdem wesentlich verändert hat. Im Imshäuser Gespräch, in dem er gemeinsam mit Europa-Staatsminister Michael Roth als Gesprächspartner zu Gast war, beschrieb er die gegenwärtige Situation als weiterhin schwierig.

„Wir haben alle nichts gewusst und wir konnten nichts dagegen tun“, mit diesen Worten wurden in der Nachkriegszeit häufig die Nachfragen der Nachgeborenen gekontert. Dass es aber doch offensichtlich Menschen gab, die etwas wussten und die etwas taten, die die durchaus vorhandenen Spielräume zugunsten verfolgter und bedrohter Menschen ausnutzten, wurde in der Konzertlesung mit dem Autor Hermann Vinke deutlich, der sein neuestes Buch „Ich sehe nur den Menschen vor mir“ in Imshausen vorstellte. Im Mittelpunkt dieses Buches steht Wilm Hosenfeld, der als Wehrmachtsoffizier in Polen mindestens 60 Menschen rettete. Einer größeren Öffentlichkeit wurde seine Lebensgeschichte durch den Spielfilm „Der Pianist“ von Roman Polanski bekannt, der die Geschichte der Rettung des polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman erzählt.

Der Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld stand im Zentrum der Lesung mit dem Autor Hermann Vinke (links). Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Renate und Roland Häusler.

Vinke las aus dem Buch und schilderte dabei das Leben des Lehrers Wilm Hosenfeld, der aus Mackenzell nahe Hünfeld stammte. Geprägt durch die Wandervogel-Bewegung und durch den Ersten Weltkrieg, an dem er als junger Soldat teilgenommen hatte, bemühte er sich als Lehrer in der Dorfschule im Rhöndörfchen Thalau, im Sinne der Reformpädagogik seine Schülerinnen und Schüler zum Erzählen, Beobachten und Handeln zu bewegen. Hermann Vinke bezeichnete Hosenfeld als für seine Zeit ungewöhnlichen Menschen mit wachem und lebendigem Geist, der ein „begnadeter Kommunikator“ gewesen sei. Streng katholisch geprägt, sei er hingegen politisch ausgesprochen konservativ gewesen und habe zunächst viele Hoffnungen in Hitler gesetzt. Bereits 1933 sei er in den NS-Lehrerbund eingetreten und 1935 in die NSDAP. Seine anfängliche Begeisterung schlug jedoch schon bald um: Hosenfeld erkannte schnell die Diskrepanz zwischen Propaganda und Realität und schilderte schon zu Beginn seiner Stationierung in Polen in seinen „Warschauer Tagebüchern“ in frappierender Offenheit das Elend des Krieges und die Verbrechen der deutschen Besatzungstruppen.

Hermann Vinke beschränkte sich nicht darauf, Textauszüge aus seinem Buch zu lesen. Er berichtete auch vieles über den Entstehungsprozess dieses Buches, bei dem es sich um die erste Biographie Wilm Hosenfelds handelt. Besonders wichtig waren ihm dabei die Begegnungen mit den Kindern Hosenfelds – insbesondere der Sohn Detlev Hosenfeld begleitete den Prozess mit großer Zuwendung – und mit der Witwe des „Pianisten“, Halina Szpilman. Die Möglichkeit, diese Menschen kennen zu lernen und mit den Originalquellen, vor allem mit den Tagebüchern und Briefen Hosenfelds, arbeiten zu können, sei, so Vinke der „schönste Lohn des Autors“. Er habe dabei Menschen getroffen, durch die die Zeit regelrecht hindurchgegangen sei. Er habe sich dabei vor allem die Frage gestellt, warum so wenige Wehrmachtsoffiziere den offensichtlich durchaus vorhandenen Spielraum genutzt hätten, warum sie lieber mitgelaufen seien, als ihrem Gewissen zu folgen. Hosenfelds moralischer Kompass sei den ganzen Krieg hindurch intakt geblieben, er habe sich nicht kompromittiert.

Umso tragischer das Lebensende Hosenfelds: Im Januar 1945 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 1952 starb er, ohne seine Familie wiedergesehen zu haben und wurde zu Unrecht für viele Jahrzehnte nahezu vergessen.

Musikalisch wurde die Lesung durch Renate und Roland Häusler aus Guxhagen begleitet, die mit jiddischen Liedern und Liedern aus dem „Zupfgeigenhansel“, der seine Wurzeln in der Wandervogelbewegung hat, entscheidend dazu beitrugen, dass eine sehr dichte, dramaturgisch geschlossene Atmosphäre entstand. Gut möglich, dass der sehr musikalische Wilm Hosenfeld die Lieder aus dem „Zupfgeigenhansel“ auch mit den Kindern seiner Dorfschule gesungen hat – auch wenn er dabei anders als das Ehepaar Häusler wohl kaum auf so exotische Instrumente wie das Gemshorn oder das Garkleinflötlein zurückgegriffen haben dürfte.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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