Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch über die Situation in Syrien

Einblick in ein nicht mehr vorhandenes Land

Syrien gibt es faktisch nicht mehr, das Land ist zerstört und zersplittert in Einflusszonen sehr unterschiedlicher Akteure. Dieses erschreckende Fazit zog die Islamwissenschaftlerin und Übersetzerin Larissa Bender, die im Imshäuser Gespräch den Versuch unternahm, einen Überblick über die unübersichtliche und insgesamt eher hoffnungslos erscheinende Situation zu vermitteln, die sich aus unserer Sicht vor allem im Anstieg der Flüchtlingszahlen manifestiert.

Belagerte Städte, zerstörte Infrastruktur und Kulturdenkmäler, Kinder, die nichts anderes kennen gelernt haben als Krieg und Gewalt. Das ist das, was heute, fast fünf Jahre nach dem Beginn des Krieges in Syrien vor allem wahrgenommen wird. Dabei hatte – nach den Jahren der Grabesruhe unter der Herrschaft des Vaters des heutigen Diktators Baschar al Assad – eher eine hoffnungsvolle Stimmung geherrscht. 2011 gab es erstmals organisierte Demonstrationen, Aktivisten wandten sich über das Internet an die Weltöffentlichkeit, eine Protestwelle erfasste das ganze Land. Doch die anfangs friedlichen Proteste wurden blutig niedergeschlagen, der Konflikt militarisierte sich zunehmend. Assad setze bis heute alles daran, an der Macht zu bleiben. Heute, so berichtete Larissa Bender, sei das Land zersplittert. Neben den durch die Russen unterstützten Regierungstruppen, der islamistischen Al-Nusra-Front und der Freien Syrischen Armee gebe es zahllose weitere Akteure, die Teile des Landes in Warlord-Manier beherrschten. Es werde ein brutaler Stellvertreterkrieg geführt, in dem auch ethnische Säuberungen eine Rolle spielten. Das Volk, so konstatierte Larissa Bender, sei zwischen die Fronten geraten. Gerade die letzten Tage hätten mit den Angriffen auf Krankenhäuser gezeigt, dass die Zivilbevölkerung eines der Hauptziele der Angriffe aller Seiten geworden sei. Von dem multiethnischen und multireligiösen Syrien, in dem früher Muslime unterschiedlicher Konfessionen, Christen und Juden, Armenier, Turkmenen und Kurden friedlich zusammengelebt hätten, sei nicht mehr viel übrig. Das sei, so Bender auch darauf zurückzuführen, dass in der syrischen Diktatur, in der der Assad-Clan auch in wirtschaftlicher Hinsicht immer dominanter geworden sei, immer das Prinzip des „Teile und herrsche“ gegolten habe, mit der die unterschiedlichen Volksgruppen gegeneinander ausgespielt worden seien. Ein Rechtsstaat sei Syrien nie gewesen.

Die Islamwissenschaftlerin und Übersetzerin Larissa Bender im Imshäuser Gespräch.

Bildung, das betonte auch Ortrud Krickau, die seit Jahren Bildungsprojekte im Raum Göttingen betreut, mit deren Hilfe Roma für den Arbeitsmarkt qualifiziert werden, sei der Schlüssel dafür, Menschen eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Gerade der Zugang zu Bildungsmöglichkeiten werde den Roma in ihren Herkunftsländern sehr häufig erschwert. „Ein Mensch, der nicht zur Schule gehen kann, hat kein Leben“, machte Ortrud Krickau eindringlich deutlich.

Die Bilanz, die Bender in ihrem Vortrag zog, ist alles andere als hoffnungsvoll: Syrien habe einen großen Teil seiner Bevölkerung verloren. Mehr als 85 Prozent der Menschen lebe in Armut, die Wirtschaft sei nahezu komplett zum Erliegen gekommen. Viele der Aktiven des Aufbruches von 2011 seien mittlerweile getötet worden, sitzen in Gefängnissen oder seien auf der Flucht. Das einstmals hohe Bildungsniveau der Bevölkerung habe sich immens verschlechtert, weil gerade die junge Generation nichts anderes mehr kenne, als Krieg und Gewalt. Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Die meisten von ihnen, geschätzt werden rund sieben bis neun Millionen, wurden zu Binnenflüchtlingen im eigenen Land. Weitere fünf Millionen suchten und suchen jenseits der Grenzen Syriens nach Sicherheit.

Die Situation sei mittlerweile so unübersichtlich geworden, dass auch Larissa Bender, die das Land seit langem kennt, deutlich machte, dass auch sie den Konflikt nicht mehr verstehe. Es gebe wohl keinen Experten mehr, der das noch erklären könnte. Eine Lösung scheine es – trotz aller internationaler Bemühungen – zurzeit nicht zu geben. Daher sei es umso wichtiger, die Menschen, die als Geflüchtete zu uns kämen und seriöse Hilfsorganisationen, die noch im Land tätig seien, zu unterstützen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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