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Imshäuser Gespräch zur Situation in der Ukraine

Der blinde Fleck Europas

Die Ukraine ist nach der intensiveren Wahrnehmung im vergangenen Jahr mittlerweile wieder zum „blinden Fleck“ geworden, obwohl sich die Situation seitdem kaum verändert hat. Über den Demokratisierungsprozess, die Bekämpfung der Korruption, die Folgen der Maidan-Bewegung wird derzeit wenig berichtet, wird noch das Vorgehen der Separatisten in der Ostukraine thematisiert. Dieses Fazit zog der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Jurko Prochasko aus Lemberg (Lwiw) im Imshäuser Gespräch.

Die russische Propaganda hinterlasse auch in den westeuropäischen Ländern deutliche Spuren. Diese hätte eine informationelle Leerstelle mit entstellten Bildern gefüllt. Das Schweigen um die Ukraine, so konstatierte Prochasko, entwickele sich gegenwärtig zunehmend zu einem beklommenen Scheitern. Die Ängste vor dem Scheitern der Revolution in seinem Heimatland seien so groß, dass die auch die tatsächlich erreichten Fortschritte überdeckten. Zudem sei das Land trotz der erreichten strukturellen Veränderungen in den letzten Jahren erschreckend verarmt. Die Integration der rund zwei Millionen Binnenflüchtlinge funktioniere in der Ukraine dennoch problemlos.

Der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Jurko Prochasko aus Lemberg (Lwiw) im Imshäuser Gespräch.

Jurko Prochasko beschränkte seine Analyse nicht auf die Situation in der Ukraine. Er betonte, dass die Ereignisse dort deutlich im Kontext globaler Prozesse stünden. So habe die Maidan-Revolution vor allem auf die Entoligarchisierung gezielt und stünde somit Kontext der Suche nach Auswegen aus dem Neoliberalismus, die auch in vielen anderen Ländern gegenwärtig zu beobachten sei. Darüber hinaus sei eine wesentliche Triebfeder für die Reformen und Umwälzungen in der Ukraine die Suche nach einer neuen Identität, die über rein ethnische und nationalistische Zuordnungen hinausgehe. Die Hoffnungen der Moderne hätten sich in den Augen vieler Menschen als Lügen erwiesen. Daher träfen die Aktivitäten von Akteuren wie Donald Trump, Viktor Orban, Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin, die vor allem darauf zielten mit Gegensteuern in Richtung Tradition und einfacher Lösungen für komplexe Probleme eine Beruhigung zu erreichen, auf relativ breite Zustimmung. Das was sie als das „Wahre“ anpriesen sei jedoch, so Prochasko, in Wirklichkeit Gier, Egoismus, Hierarchie, Expansion und Gewalt.

Es sei nicht gelungen, die Revolution in der Ukraine zu einem schnellen und sauberen Erfolg zu führen. Die Reformen seien in den letzten zwei Jahren zwar teilweise angegangen worden, sie seien jedoch nie richtig in Gang gekommen und würden immer wieder verwässert. Sowohl dem Präsidenten als auch dem Premierminister attestierte Jurko Prochasko, dass sie nicht wirklich daran interessiert seien, die Reformen voranzubringen. Sie gehörten immer noch zu den alten Eliten, denen es auch um die Wahrung der eigenen Interessen gehe.

Andererseits zeigte sich Prochasko bei der Einschätzung der Situation in seinem Heimatland nicht nur pessimistisch: Es habe sich eine sehr agile und lebendige Zivilgesellschaft entwickelt, die durchaus das Potenzial habe, die Reformprozesse voranzubringen. Prochasko nannte hier neben anderem vor allem Veränderungen des parlamentarischen Systems, der Verfassung und des Justizsystems. Es liege an der gesamten Gesellschaft, die tatsächlichen Werte durchzusetzen.

Prochasko betonte den Stellenwert des deutsch-ukrainischen Austausches: Die deutsche Kultur und Literatur sei in der Ukraine äußerst beliebt, während diejenige der Ukraine in Deutschland leider kaum wahrgenommen werde. Der gegenseitige Austausch müsse zukünftig vor allem zu einem Denk-Austausch werden. Die Ukraine sei auf die Stabilität in Ländern wie Deutschland dringend angewiesen, um sich selbst längerfristig positiv zu entwickeln. Nicht nur die Ukraine, alle Länder stünden vor der großen Herausforderung, eine neue gerechtere ökonomische Ordnung aufzubauen. Die EU sei nicht vollkommen, aber ein besseres normatives Vorbild sei derzeit nicht in Sicht.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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