Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zur Situation von Roma auf dem Balkan und in Deutschland

Bildung ist der Schlüssel für die Zukunft

Eigentlich sind sie nirgendwo erwünscht, nicht nur als Nachbarn in der Wohnsiedlung. Im Imshäuser Herrenhaus waren Roma als Gäste ausdrücklich erwünscht, wie Ortrud Krickau von der Bildungsgenossenschaft Südniedersachsen und Anne Tahirovic vom Jenaer Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge Refugio e.V. berichteten. Viele von ihnen hatten jedoch Angst die ausgesprochene Einladung anzunehmen, weil Flüchtlinge, die aus Ländern des Westbalkan zu uns kommen, derzeit verstärkt von Abschiebung bedroht sind. Umso höher war die Bereitschaft von Ferdi Latjifi einzuschätzen, der seit 2012 mit seiner Familie in Weimar lebt, in Imshausen von seiner eigenen Geschichte zu berichten, die nicht untypisch für die anderer Roma in Deutschland ist.

Er schilderte eindringlich, dass sein Herkunftsland Serbien zwar „sicher“ sei, allerdings nicht für Roma, die dort vielfältiger Diskriminierung, Ausgrenzung und zum Teil sogar Verfolgung ausgesetzt seien, die sich zunehmend auch in Form gezielter Pogrome gegen Roma äußere. Seine eigene Familie sei massiv bedroht worden, weil sich sein Vater und seine Frau als Mediatoren und Ansprechpartner der Regierung für Bildungsprojekte für Roma engagiert und sich dagegen zur Wehr gesetzt hätten, dass für diese Projekte bestimmte Gelder zweckentfremdet worden seien. Infolge ihres politischen Engagements hätten beide ihre Arbeit verloren und damit sei der Familie die Existenzgrundlage komplett entzogen worden.

Mit den Gästen im Imshäuser Herrenhaus diskutierten (von links) Ortrud Krickau, Ferdi Latjifi und Anne Tahirovic.

Bildung, das betonte auch Ortrud Krickau, die seit Jahren Bildungsprojekte im Raum Göttingen betreut, mit deren Hilfe Roma für den Arbeitsmarkt qualifiziert werden, sei der Schlüssel dafür, Menschen eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Gerade der Zugang zu Bildungsmöglichkeiten werde den Roma in ihren Herkunftsländern sehr häufig erschwert. „Ein Mensch, der nicht zur Schule gehen kann, hat kein Leben“, machte Ortrud Krickau eindringlich deutlich.

Die Situation für die Roma in Deutschland habe sich im vergangenen Jahr erheblich verschlechtert. Schon zuvor seien ihnen Chancen zur Integration konsequent verweigert worden, später würde ihnen dann gerade die mangelnde Integrationsleistung vorgeworfen, um ihre Abschiebung mit zu begründen. Viele Familien erhielten seit Jahren lediglich kurzzeitige Duldungen (zum Teil nur für jeweils vier Wochen) und lebten buchstäblich auf gepackten Koffern, hinzu kämen häufig sehr prekäre Wohnverhältnisse. Krickau kritisierte, dass Menschen sehenden Auges in schwierige Situationen zurückgeschickt würden, in Ausgrenzung und Existenznot.

Anne Tahirovic vom Behandlungszentrum Refugio e.V. berichtete, dass mindestens 30 bis 50 Prozent aller Flüchtlinge in Deutschland psychisch schwer belastet seien. Dies gelte auch für Roma, deren Traumatisierung zum Teil bis in die Zeiten des jugoslawischen Bürgerkrieges zurückreiche. Gerade Frauen seien von massiver sexueller Gewalt betroffen und benötigten psychologische, soziale und rechtliche Unterstützung. Lange Wartezeiten auf Therapieplätze und der schwierige Nachweis psychischer Traumatisierung erschwerten jedoch die Hilfsmöglichkeiten enorm.

Die Roma bilden die größte europäische Minderheit, die allerdings über kein eigenes Territorium verfügt. Sie stammen ursprünglich aus Nordwest-Indien, von wo sie durch die Mogul-Herrschaft verdrängt wurden. Sie sind durch unterschiedliche kulturelle Traditionen geprägt. Ihre Sprache, das Romanes, besteht eigentlich aus acht Sprachen mit mindestens 74 Dialekten, die bis in die 1970er Jahre hinein ausschließlich mündlich tradiert wurde. Diese Situation, so betonte Ortrud Krickau, erfordere besondere Konzepte in Schule und Bildung.

Die Situation für die Roma bleibe schwierig, da waren sich alle drei Referenten einig. Das gelte sowohl für die Balkan-Länder als auch in Deutschland. Wichtig sei es jedoch, auf die Menschen zuzugehen und sie kennen zu lernen, Diskriminierungen zu erkennen und gegen sie Stellung zu nehmen. „Bleiben Sie wachsam und haben Sie einen Standpunkt!“ Mit diesem Schlusswort von Anne Tahirovic endete die lebhafte Diskussion im Imshäuser Herrenhaus.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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