Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch mit Dr. Eva-Clarita Pettai

Geschichte als Schlüssel zur Gegenwart – Krisen aus osteuropäischer Perspektive

Schon seit längerer Zeit befindet sich die EU in einer permanenten Krise, manche Kommentatoren sprechen sogar von einem Desintegrationsprozess. Das zeigt sich nicht nur an den Diskussionen um die Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch an der Eurokrise, dem Umgang mit dem Konflikt in der Ukraine sowie den politischen Entwicklungen in Polen und Ungarn. Für Dr. Eva-Clarita Pettai, die als Politikwissenschaftlerin und Historikerin schon seit mehreren Jahren an der Universität von Tartu (Estland) lehrt, sind die Kommunikationsprobleme, die sich besonders zwischen Ost und West entwickeln, Symptome eines tiefer liegenden Problems.

Sie plädierte im Imshäuser Gespräch dafür, gerade in Bezug auf Ost- und Ostmitteuropa auch vergangenheitspolitische und historische Ursachenforschung zu betreiben. Der geschichtspolitische Zugang, so Pettai, erlaube einen anderen Zugang. Man müsse die Wahrnehmung von Geschichte in Ost und West nicht zwingend positiv bewerten, könne aber doch wertvolle Erkenntnisse für das gegenseitige Verständnis gewinnen, statt die Zusammenhänge zu simplifizieren.

Referentin Dr. Eva-Clarita Pettai (links) und Beiratsmitglied Luise zu Lynar.

Pettai legte ihren Schwerpunkt vor allem auf die baltischen Länder. Gerade die zwischen Deutschland und Russland gelegenen ostmitteleuropäischen Staaten hätten in der Vergangenheit bittere Erfahrungen damit gemacht, wie es sei, wenn sich die beiden großen Länder zu gut verstünden und über die Köpfe der kleineren Länder hinweg entscheiden. Pettai machte dies vor allem an der sehr unterschiedlichen Wahrnehmung des Ukrainekonflikts deutlich: Die Annexion der Krim habe in Osteuropa deutliche Erinnerungen an den Einmarsch Stalins von 1939 heraufbeschworen. Vor allem im Baltikum und in Polen habe die Situation in der Ukraine großes Entsetzen und Ängste ausgelöst. Das Verhalten Russlands werde als deutliche Aggression interpretiert, es würden Parallelen zu den Konfliktgebieten in Georgien und Südossetien gezogen. Zugleich werde durchaus wahrgenommen, dass manche westliche Medien die Situation völlig anders interpretierten: Manche, so Pettai, hätten den Anschluss der Krim als legitim bezeichnet und auf die große dort lebende russischsprachige Bevölkerungsgruppe sowie auf die Umzingelungsängste Russlands verwiesen. Die Reaktion in den osteuropäischen Staaten sei jedoch völlig anders gewesen: Es sei eine deutliche Solidaritätsbewegung mit der Ukraine spürbar, es würden Spenden gesammelt, um das ukrainische Militär und die Binnenflüchtlinge zu unterstützen. Da, wo vorher eine vorsichtige Annäherung spürbar gewesen sei, werde Russland nun wieder verstärkt als Aggressor wahrgenommen. Auch die Rolle der EU werde, so betonte Pettai, in Osteuropa anders wahrgenommen, als im Westen. Die ost- und ostmitteuropäischen Länder fühlten sich innerhalb der EU nicht als gleichwertige Partner wahrgenommen, es sei ein Gefühl der Zweitklassigkeit innerhalb der Union entstanden.

Auch in Bezug auf die Bewertung des Umgangs mit Flüchtlingen und der damit verbundenen Abwehr jeglicher Immigration in den osteuropäischen Ländern hält Eva-Clarita Pettai den Blick auf Geschichte und Erinnerungspolitik für hilfreich zum Verständnis. Viele Kommentare, so betonte sie, griffen hier zu kurz und übersähen, worauf die Abwehr beruhe. Rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen gäbe es nicht nur in Ost- sondern auch in vielen Ländern Westeuropas. Pettai sieht einen deutlichen Unterschied in der historischen Erfahrung beim Umgang mit dem Fremden: Westeuropa habe eine Kolonialgeschichte, die Berührungspunkte geschaffen habe, Osteuropa fehle diese Erfahrung weitgehend. Es handele sich hier um ein zutiefst heterogenes Gebiet, das selbst teilweise kolonisiert gewesen sei. Dies, so Pettai habe große Auswirkungen auf die Mentalitäten und fördere eine geradezu gegenläufige Entwicklung: Während Westeuropa momentan Immigration erlebe, werde Osteuropa immer homogener. Die Homogenisierung werde im öffentlichen Diskurs als positiv wahrgenommen, was seine Ursachen vor allem in der Betonung der nationalen Selbstbestimmung als Folge der Fremdbestimmung im Ostblock habe. Dadurch sei es zur Entstehung eines national geprägten Opferdiskurses in Osteuropa gekommen, der allerdings in keiner Weise zu Empathie mit anderen Opfergruppen – aktuell auch mit Flüchtlingen – führe. Diskussionen zu Mitgefühl und zu Fluchtgründen und -umständen fänden nicht statt, auch die eigene Erfahrung mit Flucht, die gerade im Baltikum durchaus vorhanden sei, führe kaum zu Empathie mit Geflüchteten. Eva-Clarita Pettai konstatierte eine deutlich spürbare Angst vor zu viel Heterogenität und vor der Begegnung mit dem, was anders sei. „Man sieht keine Muslime im osteuropäischen Straßenbild“. Die EU müsse darüber nachdenken, die Belange der osteuropäischen Ländern anders zu kommunizieren und ihre Befindlichkeiten stärker wahrnehmen, vor allem wenn es um die Beziehungen zu Russland gehe.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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