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Imshäuser Gespräch mit Ilija Trojanow

Helden sind ständige Provokation

Helden, so betonte der Schriftsteller Ilija Trojanow in seiner Lesung im Imshäuser Herrenhaus, seien eine ständige Provokation und damit eigentlich eher unangenehme Menschen. Seiner Einschätzung nach könnte dies ein Grund sein, warum die Erinnerung an widerständiges Handeln während der Herrschaft des Stalinismus in Bulgarien bis heute in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spiele. Die Geschichten der Menschen, die sich gegen das kommunistische System stellten und die dafür Bespitzelung, Gefängnis, Folter und unmenschliche Bedingungen in Arbeitslagern ertragen mussten, wolle, so Trojanow, bis heute niemand hören.

Ihre Geschichten zu erzählen und damit auch die Mechanismen aufzuzeigen, derer sich totalitäre Regime nicht nur in Bulgarien bedienten, das hat sich Ilija Trojanow mit seinem aktuellen Buch „Macht und Widerstand“ vorgenommen, aus dem er in Imshausen las. Das Buch basiert im Wesentlichen auf Zeitzeugenberichten, die Trojanow, der in Bulgarien geboren wurde, über viele Jahre hinweg gesammelt hat. Bei diesen Gesprächen habe er zum Teil Erstaunliches erfahren: So berichteten viele derjenigen, die die Arbeitslager überlebt hatten, dass sie mit einer völlig neuen Haltung zurückgekommen seien. Wirklich frei hätten sich viele von ihnen nur im Gefängnis gefühlt, wo sie nicht gezwungen seien, sich anzupassen und sich zu verstellen. Ihre wichtigste Überlebensstrategie sei ein oft sehr bissiger, sarkastischer Humor gewesen, der sich als starkes Instrument gegen die Macht erwiesen habe. Der Witz, den Trojanow als „gesellschaftszersetzenden Verbaldurchfall“ bezeichnete könne eine einzigartige subversive Kraft entwickeln und habe sich in den verschiedensten diktatorischen Systemen als echter Akt des Widerstandes erwiesen.

Ilija Trojanow beim Imshäuser Gespräch.

Trojanow stellt in seinem Buch zwei Figuren einander gegenüber. Dem einen, einem ehemaligen Widerstandskämpfer, der in den Akten der Staatssicherheitsbehörde auf die Suche nach seiner Vergangenheit geht, hat der Autor den Namen Konstantin gegeben. Sein Gegenspieler, ein ehemals hochrangiger Offizier des Staatssicherheitsdienstes, dessen Biographie mit der Konstantins verstrickt ist, trägt den Namen Metodi. Er erweist sich als bauernschlauer Meister in der Kunst der opportunistischen Anpassung, dessen Fassade beim näheren Hinschauen allerdings nicht so glatt und angstfrei ist, wie er selbst dies gern darstellen möchte. Ergänzt werden die von beiden erzählten Sichtweisen durch dokumentarisches Material, nämlich nahezu unverändert übernommene Aktennotizen des bulgarischen Staatssicherheitsdienstes.

In der Lesung wurde eindrücklich deutlich, dass sich die beiden Figuren nicht nur durch ihre unterschiedliche Perspektive und Haltung unterscheiden, sondern auch durch einen jeweils sehr spezifischen Erzählton.

Im anschließenden Gespräch betonte Ilija Trojanow, dass es ihm nicht in erster Linie darum gegangen sei, bulgarische Geschichte nachzuerzählen, sondern grundlegende Mechanismen von Macht und Widerstand, von Unterdrückern und Unterdrückten aufzuzeigen. Er glaube ohnehin nicht, dass ein einziges Buch die Welt verändern könne. Allerdings, so der Autor, in dessen Werk sich zahlreiche akzentuiert politische Bücher finden, sei er überzeugt, dass die Gesamtheit der Literatur durchaus menschheitsverändernde Kraft haben könne.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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