Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zu Flüchtlingen im Landkreis

Annäherung statt Pauschalisierung

Flüchtlinge als Medienthema sind momentan überall gegenwärtig. Auch die Debatten über Obergrenzen, Aufnahmefähigkeit und -notwendigkeit sind allgemein bekannt. Wie sich die steigende Zahl von Menschen, die angesichts von Bürgerkriegen, versagenden Staaten und Menschenrechtsverletzungen bei uns Aufnahme finden, bei uns bemerkbar macht, schilderten im Imshäuser Gespräch Praktiker aus der regionalen Flüchtlingsarbeit, die dem engagiert mitdiskutierenden Publikum im voll besetzten Visser 't Hooft-Haus bereitwillig Rede und Antwort standen.

Antonia Rösner vom Fachdienst Migration des Landkreises schilderte die besonderen Anforderungen, die die gegenwärtige Situation an die Behördenmitarbeiter stellt. Die kurzfristige Unterbringung vieler Flüchtlinge innerhalb kürzester Zeit sei eine große logistische Herausforderung, der sich die Mitarbeitenden des Fachdienstes Migration mit großem Engagement stellten. Rösner berichtete auch, dass der Landkreis in einiger Hinsicht anders mit Flüchtlingen verfahre, als dies an vielen anderen Orten üblich sei. Es werde versucht, Flüchtlinge möglichst dezentral statt in Gemeinschaftsunterkünften unterzubringen. Auch die soziale Betreuung der Flüchtlinge werde nicht an externe Firmen ausgelagert und der Landkreis bemühe sich, die Bürger in den Orten, in denen Flüchtlinge untergebracht werden, rechtzeitig und umfassen zu informieren.

Podium beim Imshäuser Gespräch zu Flüchtlingen im Landkreis.

Kreishandwerksmeister Klaus Stöcker stellte ein besonderes Projekt vor, das die Kreishandwerkerschaft seit 2013 gemeinsam mit dem Landkreis betreibt, um Flüchtlingen eine Perspektive im Bauhandwerk zu eröffnen. Damit, so Stöcker, könne man gleich zwei drängende Probleme angehen: Den Flüchtlingen, die seiner Erfahrung nach begierig auf Arbeitsmöglichkeiten seien, würden Ausbildungsmöglichkeiten angeboten und sie würden darauf gezielt vorbereitet. Die Handwerksbetriebe, denen vielfach Auszubildende fehlten, könnten wiederum auf diesem Wege Nachwuchs gewinnen. Zwar sei noch nicht geklärt, wie das Projekt in der Zukunft weiter finanziert werde, dennoch zeigte sich Stöcker zuversichtlich, dass es eine Fortsetzung dieser Arbeit geben werde.

Gundula Pohl, die sehr mehr als 20 Jahren in der Flüchtlingsberatung des Zweckverbandes für Diakonie tätig ist, konstatierte, dass das Asyl-System derzeit insgesamt nicht mehr funktioniere. Das Bundesamt für Migration zeige sich momentan völlig überfordert und nicht vorbereitet, was sich vor allem darin zeige, dass einige Flüchtlinge seit mehr als zwei Jahre auf einen ersten Anhörungstermin im Asylverfahren warten müssten. Pohl wies auch darauf hin, dass es nicht sinnvoll sei, Flüchtlingsgruppen gegeneinander auszuspielen. Auch viele der Menschen aus den Westbalkan-Länder, denen allgemein rein wirtschaftliche Fluchtgründe unterstellt würden, würden als Angehörige der Roma-Minderheit in ihren Heimatregionen faktisch unter sehr schwierigen Lebensbedingungen leiden und könnten nicht auf den Schutz ihrer Heimatstaaten zählen.

Über sehr konkrete Erfahrungen berichtete auch die Kirchheimer Pfarrerin Melanie Hetzer. Hier sind derzeit rund 400 Flüchtlinge in einer Außenstelle der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Deren Situation und auch das Zusammenleben mit den Kirchheimern sei schwierig. Es gäbe kaum Kontakte zu den dort untergebrachten Menschen. Dies sei bei den 100 Flüchtlingen anders gewesen, die bis vor kurzem in einer Unterkunft des Landkreises untergebracht gewesen seien. Hier habe es – auch durch das vom Kirchenkreis unterstützte „Café Grenzenlos“ - vielfache Kontakte ins Dorf gegeben.

Einigkeit bestand zwischen den Podiumsteilnehmern und dem Publikum darüber, dass Pauschalisierungen, Vorurteile und gezielt lancierte Falschmeldungen ein großes Problem sind. Man dürfe sich nicht von der Angst fesseln lassen, sondern es müsse gelingen, Berührungspunkte und Begegnungsräume zu schaffen, damit das Zusammenwachsen und -leben tatsächlich gelingen könne.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
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17.-19. November 2017 | Konferenz
Die Verantwortung der Wissenschaft zur Aufklärung der Gesellschaft
Konferenzreihe „Wissenschaft für Frieden und Nachhaltigkeit" gemeinsam mit der Universität Göttingen und der VDW.