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Imshäuser Gespräch mit Leiter des Versöhnungszentrums der Universität Jena

Wege aus dem Streit

Versöhnung bedeutet nicht Vergessen, sondern aktive Auseinandersetzung mit Krisen und das gemeinsame Suchen nach neuen Wegen. Ohne Vergebung, die allerdings nur von Seiten der Opfer kommen kann, ist Versöhnung nicht möglich. Dieses Fazit lässt sich aus dem ziehen, was der Theologe und Friedensforscher Professor Martin Leiner vom Zentrum für Versöhnungsforschung an der Universität Jena den Zuhörenden im Imshäuser Herrenhaus anhand vielfältiger Beispiele aus vielen Krisenherden der Welt vermittelte.

Das Wort Versöhnung, so Leiner, sei der Begriff, der in der Bibel für ihn den meisten „Glanz“ habe. Doch es seien nicht nur Christen, die aufgerufen seien, sich für Versöhnung stark zu machen, eingeladen seien alle. Wie wichtig eine intensive Beschäftigung mit diesem Thema sei, zeige sich immer wieder, gerade in der Zeit nach einem akuten Konflikt: Die Situation im Nahen Osten, in Afghanistan und in zahlreichen afrikanischen Ländern machten immer wieder deutlich, was geschehe, wenn die Frage der Versöhnung bei der Beendigung eines Konfliktes nicht mitgedacht werde. Dabei gehe es nicht nur um die Versöhnung im engeren Sinne, die vor allem die Normalisierung der Beziehungen zwischen den Konfliktparteien zum Ziel habe, sondern gerade um eine aktive Bearbeitung der Vergangenheit, die Täter und Opfer ins Gespräch bringen solle. Gerade für die Opfer sei die Versöhnung ein immens wichtiger Prozess. Dies gelte gerade angesichts der gegenwärtigen Krisen, die vielfältiger und komplexer seien als frühere.

Der Theologe und Friedensforscher Professor Martin Leiner vom Zentrum für Versöhnungsforschung an der Universität Jena in Imshausen.

Als Beispiele für gelungene Versöhnungsbemühungen führte Leiner die Annäherung Deutschlands an Frankreich, Israel und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg an. Auch Südafrika, das sich nach dem Ende der Apartheid unter anderem durch die Einrichtung von Wahrheitskommissionen seiner Vergangenheit gestellt habe, sei ein weiteres positives Exempel.

Wichtig sei es vor allem, die Anwendung von Gewalt in den Gesellschaften zu delegitimieren. Dabei müssten gerade die Bevölkerungsgruppen gestärkt werden, die gewillt seien, den Konflikt zu beenden. Hoffnungsvolle Träger seien in den meisten Fällen besonders die kleinen Friedensinitiativen. Der Impuls zur Versöhnung müsse idealerweise von unten, aus der Zivilgesellschaft kommen. Dass viele nicht-versöhnungswillige Regierungen Versöhnungsinitiativen hintertreiben, wertete Martin Leiner gerade als Zeiten für die Stärke des Ansatzes. Aktive und Erfolg versprechende Versöhnungsbemühungen lösten gerade bei denen Besorgnis aus, die kein Interesse an der Beilegung des Konfliktlösung hätten. Leiner nannte hier Azerbaidschan, wo es verboten sein, sich an Friedensinitiativen zu beteiligen und Nordkorea. Aber auch die Antinormalisierungspolitik der Hamas in Palästina und die Boykottpolitik Israels zeigten deutlich, dass vor einer Beilegung des Nahost-Konfliktes noch ein weiter Weg liege.

Angesichts der gegenwärtigen Lage, so konstatierte Leiner, dränge sich jedoch der Eindruck auf, dass die hoffnungsvollen Aufbrüche der späten 1980er und der 1990er Jahre der Vergangenheit angehörten. Zwar gebe es nach wie vor viele kleinere Erfolge – hier nannte Leiner unter anderem die Politik der Brüderlichkeit in Japan und die Friedensschlüsse in Moçambique und Guatemala – insgesamt sei jedoch eine Rückkehr zu einer eher nationalistisch geprägten Politik zu beobachten. Dazu passe, dass in den letzten Jahren in zahlreichen Ländern populistische, rechtsgerichtete Parteien an Einfluss gewonnen hätten. Auch das Ende des Arabischen Frühlings, der Krieg in der Ukraine und die Lage im Nahen Osten zeigten deutlich, dass es noch vieler Initiativen für Versöhnung bedürfe. Und die wichtigste Voraussetzung für einen gelungenen Versöhnungsprozess, so betonte Leiner, sei der Wille zu Verhandlungen, Vertrauen und der gegenseitige Respekt.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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