Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Konzertlesung zu Exilliteratur anlässlich des "Hessischen Tages für die Literatur"

Warum geht ihr nicht zurück nach Deutschland?

Literatur in und aus Hessen ist mehr als Georg Büchner und die Brüder Grimm. Welche literarischen Schätze es noch zu heben gilt, ließ sich am Hessischen Tag für die Literatur hautnah erleben. Im Imshäuser Herrenhaus gab der Verleger Thomas Schumann einen Einblick in sein besonderes Engagement für die Literatur und Kunst des Exils. Für Atempausen während der Lesung sorgte Martina Freitag aus Rotenburg am Klavier mit Werken von Ludovico Einaudi und Louis Claude Daquin.

Thomas Schumann ist Gründer des Verlages „Edition Memoria“, in dem bis jetzt 30 Bücher von Autoren erschienen, die zwischen 1933 und 1945 in die Emigration gezwungen wurden. Darüber hinaus sammelt Schumann auch Kunst und ist außer als Verleger auch als Autor und Ausstellungskurator tätig. Sein großes Ziel ist die Einrichtung eines Exil-Museums, in dem sowohl literarische Werke und Künstler-Nachlässe als auch Bilder exilierter Künstler ihren Platz finden sollen. Museen gäbe es, so konstatiert Schumann, für alles Mögliche: Unter anderem nannte er ein Lepramuseum, ein Pfefferminzmuseum und diverse Bratwurstmuseen. Ein Erinnerungsort für das Exil fehle in Deutschland jedoch bis heute. Leider fehlten ihm bis jetzt die räumlichen Möglichkeiten und die finanzielle Unterstützung. Material sei bereits genügend vorhanden.

Im Imshäuser Herrenhaus gab der Verleger Thomas Schumann einen Einblick in sein besonderes Engagement für die Literatur und Kunst des Exils.

Immerhin seien rund 500.000 Menschen zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland geflüchtet, unter ihnen Tausende von Künstlern und Intellektuellen. Nahezu die gesamte geistige Elite der Weimarer Republik sei betroffen gewesen. Die Flüchtlinge seien in ihren Exilländern zumeist auf Misstrauen und Ablehnung gestoßen. Gerade diejenigen, deren Arbeitsgrundlage die Sprache gewesen sei, hätten nur schwer oder überhaupt nicht Fuß fassen können, das Exil sei für sie ein ständiger, tragischer Überlebenskampf gewesen. Selbstmorde, der soziale Abstieg und Internierungen seien für die meisten Betroffenen die Folge gewesen, konstatierte Schumann. Auch das Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Diktatur habe nicht dazu geführt, dass die Autoren der Emigration in Deutschland wieder Anerkennung gefunden hätten. Vielfach sei ihnen hier vorgeworfen worden, dass sie es sich, anders als diejenigen, die geblieben seien, leicht gemacht hätten. Viele seien bis heute einfach vergessen worden. Thomas Schumann zitierte hier den Autor Georg Stephan Troller mit dem Satz „Man emigriert eben auf Lebenszeit“.

Dass auch Hessen in der Literatur der Emigration auftaucht zeigte sich in dem Buch, das Schumann als Beispiel nach Imshausen mitgebracht hatte. René Halkett, der 1900 als Georg Friedrich von Fritsch in Weimar geboren wurde, schrieb sein autobiographisches Buch „Der liebe Unhold“ in den 1930er Jahren in England. Auf Deutsch erschien dieses sehr politische und vielfach mit Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ verglichene Buch jedoch erst 2010 in Schumanns Verlag. Der Autor beschreibt das Leben in Deutschland während der Weimarer Republik und seine ersten Jahre im Exil. Unter anderem lebte Halkett einige Jahre in der Rhön, deren Landschaften und Menschen er in liebevoll-ironischem Ton beschrieb.

Besonders eindringlich und geradezu hellsichtig wirkten die von Schumann ausgesuchten Passagen, in denen Halkett die ersten Wochen und Monate der Diktatur, den Terror, die Unterdrückung und die Wandlung Deutschlands zum „Führerstaat“ schildert. Angesichts der Situation der Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, wirkten Halketts Beschreibungen des Exils beklemmend aktuell. Halkett schildert den Kampf der Flüchtlinge mit restriktiven Gesetzen für Ausländer, das Misstrauen und die Ablehnung in den Exilländern und die wirtschaftliche Not derjenigen, die sich nicht aus Abenteuerlust für die Flucht entschieden. „Warum geht ihr nicht zurück nach Deutschland?“ diese aus Unverständnis für die Situation in Deutschland resultierenden Frage wurde Halkett mehrfach gestellt. Seine Reaktion auf diese Art der Ignoranz und Unkenntnis war Wut und das Gefühl der Ausweglosigkeit.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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