Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch über Martin Luther King

Der Traum von Frieden und Gerechtigkeit

„I have a Dream!“ mit diesem Satz prägte sich der Bürgerrechtler Martin Luther King in das kollektive Weltgedächtnis ein. Doch dass King nicht nur Bürgerrechtler, sondern auch Theologe und Sozialreformer war, ist wohl weniger in Erinnerung geblieben. Diesen Aspekt hob Michael Haspel, selbst Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie im thüringischen Neudietendorf, im Imshäuser Gespräch besonders hervor. Fast genau 50 Jahre nach dem „Marsch von Selma“, an den aktuell auch ein Kinofilm erinnert, stellte Haspel das Leben und Werk Martin Luther Kings vor und beschäftigte sich in seinem Vortrag auch mit den Nachwirkungen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten.

King, der eigentlich Michael King hieß, und sich erst später mit dem an den Reformator Martin Luther erinnernden Namen bezeichnete, habe sich immer radikal an den christlichen Werten Frieden und Gerechtigkeit orientiert. Die Armut aller Menschen weltweit, so Haspel, sei für King Herausforderung gewesen, sein Engagement habe sich nicht auf die Gleichstellung der Schwarzen in den Vereinigten Staaten beschränkt. Dabei habe er von sich aus ursprünglich nicht nach einer Führungsrolle gestrebt, sie sei dem promovierten Theologen vielmehr eher zugefallen. Die Theologie der Menschenwürde, für die Martin Luther King zeitlebens gestanden habe, habe, so betonte Michael Haspel, immer auf globale Gerechtigkeit gezielt. Damit sei King einer der Vorläufer der Befreiungstheologie gewesen, die später vor allem in Lateinamerika stark an Bedeutung gewonnen habe. Vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges und der Angst vor einem Dritten Weltkrieg habe sich Martin Luther King konsequent für Frieden und Gerechtigkeit eingesetzt. Schon sehr viel früher als die meisten seiner Zeitgenossen habe er vorausgesehen, dass die Kosten des Krieges so immens sein würden, dass die Kriegführung die Ressourcen verbrauchen würde, die für die Begrenzung der Armut notwendig wären. Widerstand sei für Martin Luther King nur als ziviler und gewaltfreier Widerstand denkbar und sinnvoll gewesen. Er sei überzeugt gewesen, dass Gewalt nicht mit Gewalt bekämpft werden könne.

Michael Haspel, Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie im thüringischen Neudietendorf, im Imshäuser Gespräch.

Sein unbedingtes Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden habe Martin Luther King jedoch keineswegs zum Helden gemacht. Haspel führte aus, dass er dadurch spätestens seit 1966/67 eher an Bedeutung verloren habe. Seine Washingtoner Rede von 1963, der das „I have a Dream“-Zitat entstammt, sei der Höhepunkt von Kings Erfolg gewesen. Diese Rede sei das bis dahin größte Medienereignis überhaupt gewesen. Der Medienhype habe einerseits dazu geführt, dass die Rede ihren Platz im kollektiven Gedächtnis gefunden habe, andererseits sei gerade hier die Botschaft Kings im Nachhinein reduziert und banalisiert worden. Auch ihm sei es letztlich nicht gelungen, die weiße Friedensbewegung und die schwarze Bürgerrechtsbewegung zusammen zu bringen.

Michael Haspel zeichnete in seinem Imshäuser Vortrag ein differenziertes und in mancher Hinsicht durchaus ambivalentes Bild von Martin Luther King, das seine Bedeutung als Theologe hervorhob. Zugleich bezog er die damaligen Überlegungen zu Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit, Teilhabe und Frieden auf die Gegenwart. Haspel, der sich in der Diskussion auch kritische Fragen zu seiner eigenen Position und der der Kirchen zum Thema Gewaltfreiheit stellen musste, betonte, dass noch mehr zivile Mittel und Kompetenzen gebraucht würden, um Lösungen für die heutigen Konflikte finden zu können. Noch heute gäbe es zu wenig gesichertes Wissen über das Funktionieren von Krisenprävention. Eine der wichtigsten Konsequenz aus dem Denken Martin Luther Kings sei auch heute die Erkenntnis, dass man auf das eigene Gewissen hören müsse, auch wenn dies selten der bequeme Weg sei.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
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Freitag, 30. Juni 2017, 19.00 Uhr | Imshäuser Gespräch
Big Data und die Vorsehungslehre
Vortrag und Gespräch mit
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Theologin (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)
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Die Gedenkrede hält
Gerhard Rein
(Journalist) Berlin
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