Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zur Aufarbeitung der Folgen der DDR-Diktatur mit Curt Stauss

Echte Vergebung „ent-schuldigt“ nicht

Die DDR ist Teil der Geschichte, aber Vergangenheit ist sie noch nicht. Das wurde auch im Imshäuser Gespräch deutlich, in dem der Beauftragte des Rates der EKD für Seelsorge und Beratung von Opfern der SED-Kirchenpolitik, Pfarrer Curt Stauss aus Halle, über seine Arbeit und über den Stand der „Aufarbeitung“ der DDR-Geschichte berichtete. Dabei schilderte Stauss nicht nur den Stand der strafrechtlichen, gesellschaftlichen und politischen Aufarbeitung, sondern ging auch auf die psychosoziale und seelsorgerliche Arbeit mit Menschen ein, die durch den SED-Staat geschädigt worden sind.

Dabei stellte Stauss, der selbst zu Zeiten der DDR als Mitglied und Koordinator eines Netzwerkes von Basisgruppen in das Visier der staatlichen Behörden geriet, klar, dass es nicht allein der strafrechtlichen und historischen Aufarbeitung bedürfe, um diejenigen, die sich in der Opferrolle befänden, das Gefühl der Anerkennung und Heilung zu geben. Den Organen der Diktatur, unter anderem der Staatssicherheit, sei es mit ihrer Taktik der „Zersetzung“ vor allem genau darum gegangen, Menschen zu diskreditieren, ihre materielle und psychische Existenz zu untergraben und ihnen so die Würde zu nehmen.

Pfarrer Curt Stauss aus Halle über seine Arbeit und über den Stand der „Aufarbeitung“ der DDR-Geschichte.

Viele derjenigen, die verhaftet, verhört und bespitzelt wurden, seien bis heute traumatisiert. Die Leiden dieser Menschen anzuerkennen und gemeinsam mit ihnen Wege aus der Opferrolle zu finden, damit sei, so betonte Stauss, gerade erst begonnen worden. Für eine echte Versöhnung seien allerdings zwei Seiten nötig. Und das sei nach seiner Wahrnehmung sehr schwierig, weil häufig die Täter nicht in der Lage oder nicht bereit seien, sich mit den Folgen ihres Handelns ernsthaft auseinanderzusetzen. Hinzu käme noch, dass echte Vergebung nicht „ent-schuldigen“ könne. Man könne bereits jetzt erkennen, so berichtete Curt Stauss aus seiner praktischen Erfahrung aus der seelsorgerlichen Arbeit, dass die Traumatisierung sich nicht allein auf die Opfer selbst beschränke. Auch die nachfolgende Generation sei mit betroffen, gerade in den Familien, in denen wenig oder garnicht über das Thema gesprochen werde. Zudem hätten Verfolgung und Haft oft auch ganz handfeste Folgen, die immer spürbarer würden: Viele Betroffene hätten durch die „Zersetzungsmaßnahmen“ deutliche Einbrüche in ihrer Berufsbiographie hinnehmen müssen und litten nun unter Altersarmut. Besonders unglücklich hätte sich die Ambivalenz im Umgang mit Opfern und Tätern in einer Bundestagsdebatte gezeigt. In der Sitzung seien zwar relativ bescheidene Renten für die Opfer des SED-Staates besprochen worden, doch habe am selben Tag auch ein Beschluss über die Anpassung der Renten hauptamtlicher Stasi-Offiziere auf der Tagesordnung gestanden.

Die öffentliche Debatte habe sich in den vergangenen 25 Jahren im Wesentlichen um die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit, um die Inoffiziellen Mitarbeiter und um Fragen wie die Diskussion um den Begriff „Unrechtsstaat“ gedreht. Das habe dazu geführt, dass über die eigentlichen Täter, nämlich die SED und die hauptamtlichen Offiziere der Stasi, viel zu wenig gesprochen werde. Gerade die „Unrechtsstaats-Debatte“ zeige, dass es hier nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte gehe. Der Begriff sei zum politischen Kampfbegriff geworden, der „Unrechtsstaat“ in diesem Sinne sei eben gerade nicht das Gegenteil des „Rechtsstaates“. Gerade für ihn, so Stauss, sei der Rechtsstaat eine enorm wichtige Errungenschaft, auch wenn er die Ansprüche der Opfer oft nicht unmittelbar erfüllen könne. Dazu müssten andere Wege gesucht werden.

Die DDR habe nur deswegen so lange funktionieren können, weil so viele mitgemacht hätten, sie habe von der Bereitschaft der Menschen gelebt, sich unterdrücken zu lassen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


Artikelarchiv seit 2005

In unserem Artikelarchiv finden Sie alle Berichte aus und über Imshausen geordnet nach Jahren:

2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005


Imshäuser Gespräche

'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
Dazu lädt die Stiftung kompetente Personen als Referentinnen/ Referenten ein. Einem einführenden Vortrag folgt jeweils eine ausführliche Aussprache.
Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.



Freitag, 27. Oktober 2017, 19 Uhr | Imshäuser Gespräch
Eine filmische Annäherung an den Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007)
Film und Gespräch mit
Dr. Elisabeth Raiser
Historikerin (Berlin)
Herrenhaus Imshausen

Montag, 06. November 2017, 19 Uhr | Trott Lecture
Eine europäische Aufgabe
Vorlesung von
Marianne Birthler
Ehem. Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik


Dienstag, 14. Novermber 2017, 19 Uhr | Imshäuser Gespräch
Nach der Bundestagswahl diskutieren wir über Hintergründe, neue Herausforderungen und Aufgaben
Gespräch und Diskussion mit
Dr. Monika Hölscher, Hessische Landeszentrale für politische Bildung (Wiesbaden)
Dr. Gunnar Richter, Leiter der Gedenkstätte Breitenau und Sprecher der Hessischen Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten (Guxhagen)
Ludger Arnold, Pädagogischer Leiter der Adam-von-Trott-Schule Sontra
Visser ’t Hooft-Haus im Trottenpark, Imshausen