Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zur Verfolgung nicht-arischer Christen im Dritten Reich

Verrat am Sakrament der Taufe

Religion wurde zwischen 1933 und 1945 für politische Zwecke – zur Ausgrenzung und als Grundlage für den beispiellosen Völkermord an den europäischen Juden instrumentalisiert und das darf nie wieder geschehen. Dieses Fazit zog der Theologe Dr. Michael Dorhs am Ende seines Vortrages im Imshäuser Herrenhaus.

Dorhs beleuchtete im Imshäuser Gespräch einen Bereich der Verfolgung aus aufgrund der rassischen, nationalsozialistischen Nürnberger Gesetze, der bisher nur wenig wahrgenommen wurde, nämlich die Verfolgung von Christen jüdischer Herkunft. Nach vorsichtigen Schätzungen, so Dorhs, seien rund 400.000 Christen und Konfessionslose im Dritten Reich von Verfolgungsmaßnahmen betroffen gewesen. Zwei Drittel von ihnen hätten einer evangelischen Kirche angehört. In den beiden hessischen Landeskirchen sei das Bewusstsein für die Verfolgung dieser Menschen erst 2013, mit dem Erscheinen des Buches „Getauft, ausgestoßen – und vergessen?“ gewachsen. An diesem Gemeinschaftsprojekt war auch Michael Dorhs maßgeblich beteiligt. Für den Bereich der Evangelischen Kirche von Kurhessen und Waldeck fehle eine Gesamtdarstellung jedoch nach wie vor.

Verrat am Sakrament der Taufe - der Theologe Dr. Michael Dorhs in Imshausen.

Als besondere Probleme bei der Beschäftigung mit der Gruppe der nicht-arischen Christen benannte Dorhs zwei Punkte: Zum einen bereite schon die Benennung dieser Verfolgtengruppe erhebliche Schwierigkeiten, weil man sich hier Begriffen bedienen müsse, die ihren Ursprung im nationalsozialistischen Antisemitismus hätten. Bezeichnungen wie „Judenchristen“, „Mischlinge“, „Mischehe“ oder „Christen jüdischer Herkunft“ seien problematisch. Zum anderen fühlten sich viele Betroffene auch heute noch stigmatisiert: Für viele dieser Menschen, die sich während der Zeit des Nationalsozialismus Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt sahen, seien die jüdischen Wurzeln nicht von Bedeutung gewesen oder sogar bereits in Vergessenheit geraten. Erst die rassistischen Nürnberger Gesetze, die Menschen mit einem jüdischen Großelternteil bereits als „Mischling“ kategorisiert hätten, hätte diese Menschen zum Opfer eines politisch motivierten Antisemitismus und von Verfolgung gemacht. Viele der Überlebenden seien bis heute nicht bereit, über ihre Verfolgungsgeschichte zu sprechen, weil sie bereits die Erwähnung ihrer jüdischen Wurzeln als Wiederholung der damaligen Stigmatisierung empfänden, berichtete Dorhs, der sich seit langem mit der jüdischen Geschichte in der Region beschäftigt und der in diesem Zusammenhang mit zahlreichen Betroffenen und ihren Nachkommen gesprochen hat.

Michael Dorhs wies darauf hin, dass während des Nationalsozialismus auch in den Kirchen religiöser Antisemitismus durchaus nicht selten gewesen sei. Dies gelte auch für die Bekennende Kirche, die ohnehin kein Hort des politischen Widerstandes gewesen sei, sondern sich im Wesentlichen gegen Eingriffe des Staates in kirchliche Strukturen gewehrt habe. Dass die Kirchen auch gegen die Verfolgung ihrer eigenen, getauften Gemeindeglieder nicht protestiert hätten, könne man aus der Rückschau sogar als „Verrat am Sakrament der Taufe“ bewerten. Anders als in der hessisch-naussauischen Kirche sei den betroffenen Gemeindegliedern in Kurhessen-Waldeck die Gemeinschaft jedoch nie formell aufgekündigt worden. Dem Versagen der kirchlichen Strukturen stellte Dorhs eine Würdigung der Menschen – unter ihnen auch Pfarrer und ihre Familien – gegenüber, die als Einzelne den Verfolgten Hilfe und Unterstützung gewährt und damit Nächstenliebe praktiziert hätten. Diese Hilfe sei zwar angesichts des Dimensionen der Verfolgung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen, aber jeder Helfende habe sich einem hohen persönlichen Risiko ausgesetzt und das gelte es zu würdigen.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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