Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch zum Todestag Adam von Trotts über „Nachleben“ des Widerstandskämpfers

Gedenken braucht Wissen

70 Jahre nach seinem Tod könnte man vermuten, dass nun alles über Adam von Trott gesagt sei und dass das Bild, das von ihm existiert nun vollständig und korrekt sei. Dass dies keineswegs der Fall ist, zeigte der Vortrag, den die Historikerin und Trott-Biographin Dr. Benigna von Krusenstjern aus Göttingen aus Anlasse des Todestages Trotts in voll besetzten Halle des Imshäuser Herrenhauses hielt, auf eindrucksvolle Art und Weise.

Gerade das Bild Adam von Trotts, von dem so viel mehr an Briefen und Schriften überliefert ist, als über die meisten anderen am Widerstand gegen Hitler Beteiligten, wird bis heute durch zahlreiche Fehleinschätzungen, Unzuverlässigkeiten und sogar Verleumdungen geprägt. An verschiedenen Beispielen zeigte Krusenstjern auf, wie es zu den Fehlern kam und kommt, die ihrer Einschätzung nach sämtlich zu Lasten Trotts gingen. Sie wolle sich weder als seine Verteidigerin noch als seine Richterin gerieren, aber es sei doch wichtig, Irrtümer zu korrigieren, gerade weil er selbst als einer der Hingerichteten sich nach dem Krieg weder gegen Fehlinformation und Vereinnahmung noch gegen Verunglimpfungen habe wehren können.

Historikerin und Trott-Biographin Dr. Benigna von Krusenstjern aus Göttingen in Imshausen.

Die Gründe für Fehler seien vielfältig und nicht in jedem Fall seien schlechte Absichten zu unterstellen. Besonders deutlich machte Krusenstjern dies am Beispiel des ersten Trott-Biographien, des Engländers Christopher Sykes. Er habe zwar Zugang zum Nachlass Trotts und die Unterstützung der Familie gehabt, allerdings verfügte er nicht über ausreichende Deutschkenntnisse, um diese selbst zu lesen. Dadurch sei es zu zahlreichen Fehleinschätzungen und -gewichtungen gekommen, die in vielen späteren Reden, Aufsätzen und Büchern leider unhinterfragt und unüberprüft übernommen worden seien.

Benigna von Krusenstjern betonte, dass auch Aussagen von Menschen, die Trott persönlich gekannt haben, nicht ohne kritische Überprüfung und Analyse für bare Münze genommen werden könnten. Naturgemäß könne jeder Mensch lediglich einen subjektiven Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnehmen, außerdem vermische sich beim Erzählen das tatsächlich Erinnerte nachträglich immer mit später Gehörtem und Gelesenen. Ebenfalls müsse man bei einigen Zeugen auch in Betracht ziehen, dass sie mit ihren Aussagen über Adam von Trott durchaus eigene strategische Ziele verfolgt hätten. Dies gelte unter anderem auch für Trotts Mitarbeiter im Auswärtigen Amt Alexander Werth, der sehr viel weniger in die Umsturzaktivitäten Trotts eingeweiht gewesen sei, als er selbst später berichtet habe.

Vieles sei Trott in den Jahrzehnten seit seinem Tod fälschlicherweise unterstellt worden, so Krusenstjern. Er wurde als „politischer Wirrkopf“, als „irregeleiteter Hegelianer“ und „Nationalkonservativer“ bezeichnet. Ihm sei unterstellt worden, dass er großmachtorientierte Kriegsziele propagiert habe und dass er kein Demokrat gewesen sei. Zum Teil seien diese Einschätzungen auch dadurch zustande gekommen, dass Trott als Adeliger mit deutlichen Sympathien für die Sozialdemokratie nur schwer in überlieferte Klischeevorstellungen passe. Alle diese „Fehletikettierungen“ hätten jedoch bis heute deutliche Spuren in der Beurteilung der Person Adam von Trotts hinterlassen, die es nun – 70 Jahre nach seinem Tod – ernsthaft auszuräumen gelte. Zwar sei die Anerkennung und Würdigung für Adam von Trott und für viele andere Widerstandskämpfer in den letzten Jahren deutlich mehr geworden, aber es gelte nach wie vor, dass Gedenken auch heute nicht ohne die Basis gesicherten Wissens auskomme.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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