Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch über unbekannt gebliebene Verschwörer

Ein Wunder von einem Netzwerk

Die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer war nicht zum ersten Mal im Trottenpark zu Gast. Dieses Mal hatte sie ihre Co-Autorin Elisabeth Raiser zum Imshäuser Gespräch mitgebracht. Raiser hatte für ihr neuestes Buch „Stauffenbergs Gefährten“ das Kapitel über Margarethe von Oven, eine der wenigen Frauen, die aktiv an der Verschwörung am 20. Juli 1944 beteiligt waren, beigesteuert.

Die Beschäftigung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist für Antje Vollmer in den letzten Jahren eine wichtige Aufgabe geworden. Ihr ging es bereits in ihrem ersten Buch über Gottliebe und Heinrich von Lehndorff darum, vor allem solche Menschen in den Vordergrund zu stellen, die bisher kaum Beachtung gefunden hatten. In „Stauffenbergs Gefährten“ setzte sie gemeinsam mit Elisabeth Raiser und dem Historiker Lars-Broder Keil diese Arbeit fort. Zehn Kurzporträts bislang unbekannt gebliebener Menschen finden sich in diesem Buch.

Dr. Antje Vollmer (links) und Dr. Elisabeth Raiser (beide Berlin) bei ihrem Vortrag im Visser't Hooft-Haus im Imshäuser Trottenpark.

Vier dieser Biographien hatten sich die beiden Autorinnen für diesen Abend ausgesucht. Die des zur Zeit seiner Hinrichtung erst 24jährigen Friedrich Karl Klausing, die Margarethe von Ovens, die von Georg Schultze-Büttger und die des Nachrichtenoffiziers Erich Fellgiebel, an der sich exemplarisch zeigen lässt, dass manche Widerstandskämpfer auch nach dem Krieg gezielten Verleumdungskampagnen ausgesetzt waren. Vollmer betonte, dass dies angesichts der rund 1.000 Menschen, die an den Planungen der zahlreichen Staatsstreichversuchen zwischen 1938 und 1944 beteiligt gewesen seien und an den mindestens 180 nach dem 20. Juli 1944 Hingerichteten nur ein extrem kleiner Ausschnitt sei. Es habe sich in den Jahren bis 1944 „ein Wunder von einem Netzwerk“ entwickelt. Ihr sei es ein besonderes Anliegen, mit dem Beleuchten der bisher ausgeblendeten Lebensgeschichten exemplarisch nicht nur diese Personen ins Licht zu rücken, sondern auch deutlich zu machen, warum es dazu kam, das manche am Umsturz Beteiligte bisher kaum Beachtung fanden.

Vollmer betonte, dass es ihr vor allem darum gehe, mit immer noch vorhandenen Vorurteilen aufzuräumen, die das Bild vieler Widerstandskämpfer in der Öffentlichkeit seit nunmehr 70 Jahren präge. So zog Vollmer eine bemerkenswerte Kontinuitätslinie zwischen den Berichten des zwar am Umsturz beteiligten Hans Bernd Gisevius, der sich allerdings in seinen romanhaften Berichten und in seinen Berichten an US-Geheimdienststellen schon in der frühesten Nachkriegszeit als eher zweifelhafter Zeuge erwies bis hin zum amerikanischen Spielfilm „Operation Walküre“ mit Tom Cruise. Hier wird der Erich Fellgiebel als betrunkener, zaudernder Versager geschildert, was zwar den Berichten von Gisvius entsprach, aber eben nicht der Realität.

Ein weiterer Grund, warum viele Details und Lebensgeschichten erst mit jahrzehntelanger Verspätung thematisiert werden, ist die allgemeine Schweigementalität der Nachkriegszeit und das Schweigen in vielen Familien, das sich nicht auf Täterfamilien beschränke. Auch in vielen Opferfamilien sei geschwiegen worden, möglicherweise um schmerzliche Erinnerungen nicht die Oberhand gewinnen zu lassen.

Diese Sicht bestätigte der an diesem Abend anwesende Jobst Schultze-Büttger, Sohn von Georg Schultze-Büttger auf eindrückliche Weise. Er machte deutlich, dass Antje Vollmer mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag dazu geleistet habe, dass die Sprachlosigkeit auch in den Familien überwunden werden konnte. Sein Vater sei kein Held gewesen, er sei lediglich seinem Gewissen gefolgt. Und nun, 70 Jahre später, sei es wichtig, dass junge Menschen gute Vorbilder fänden.

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


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