Stiftung Adam von Trott | Imshausen e.V.
 


Imshäuser Gespräch mit Friedenspolitiker Tilman Evers

Frieden – Utopie oder Realität?

Dass das Thema des Abends so aktuell sein würde, war bei der Planung des Imshäuser Gesprächs auch für den ausgewiesenen Friedenspolitiker Tilman Evers nicht zu ahnen: Ein neuer Kalter Krieg, der sich aufgrund der angespannten Situation in der Ukraine entwickelt, rückt auch die Diskussionen über die weltpolitische und militärische Rolle Deutschlands in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Evers zitierte gleich zu Beginn Bundespräsident Gauck, der Pazifisten als Drückeberger bezeichnet hatte, und den Chef der Münchener Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, der in einem Zeitungsinterview die Forderung nach der „Überwindung des Nachkriegspazifismus“ aufgestellt hatte.

Gerade das Jahr 2014 ist reich an Jahrestagen, die im Zusammenhang mit Krieg und Frieden stehen: 100 Jahre Erster Weltkrieg, 75 Jahre Zweiter Weltkrieg, 70 Jahre 20. Juli 1944 und 25 Jahre Friedliche Revolution waren die Daten, die Evers in seiner Aufzählung nannte. Doch auch die auf 1945 folgende lange europäische Friedensphase war nicht frei von Konflikten. Die Kriege in Vietnam und Korea, der Kosovo-Krieg in den 1990er Jahren, der Irak-Krieg, die Aufstände in den arabischen Ländern, die unter anderem in Syrien zu einem blutigen Bürgerkrieg geworden seien und nicht zuletzt der „Krieg gegen den Terror“, den die USA seit 2001 führten, seien nur einige Beispiele, an denen sich zeige, dass sich die Konflikte stark verändert hätten. Zwischenstaatliche Konflikte, so Evers, seien mittlerweile relativ selten geworden. An die Stelle der „Staatenkriege“ träten nun zunehmend innerstaatliche Konflikte, in denen besonders Unbeteiligte stark gefährdet seien. Irreguläre Kleinkriege forderten heute mehr Opfer als größere Kriege und immer häufiger gehe es in Konflikten um die Folgen der Gier nach Ressourcen und des Klimawandels.

Friedenspolitiker Tilman Evers in Imshausen.

Welche Antworten hat der Pazifismus auf die Veränderung von Konflikten und auf die zunehmende Komplexität von Kriegen? Diese Frage hatte Tilman Evers in den Mittelpunkt seines Vortrages in Imshausen gestellt. Er stellte zunächst dar, wie sich der Pazifismus von seinen Anfängen um den Beginn des 20. Jahrhunderts gewandelt habe, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass der „alte“, nahezu ausschließlich auf Nationalstaaten als Konfliktparteien zielende Pazifismus ausgedient habe. Komplexere Situationen, so betonte Evers, forderten auch komplexere Lösungsansätze, der Pazifismus sei in steter Veränderung begriffen. Zwischen Frieden und Gerechtigkeit bestünde ein enger Zusammenhang und es gelte, sich gegen Diskriminierung und kulturelle Unterdrückung zu positionieren und dabei die Menschenrechte und das Völkerrecht zum Hauptmaßstab zu machen. Dazu müssten die Mechanismen der zivilen Konfliktbearbeitung, die angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan entstanden seien, vermehrt angewandt werden. Der Wiederaufbau zerstörter Gebiete müsse sowohl von staatlichen als auch von nicht-staatlichen Akteuren mitgetragen werden.

Als großes Dilemma, bei dem die Hilfe für Schutzbedürftige mit dem Anspruch auf Gewaltfreiheit kollidiere, bezeichnete Evers die „Schutzverantwortung“, bei der militärische Interventionen mit dem Schutz gefährdeter Zivilisten gerechtfertigt würden. Hierfür gäbe es klare Prüfkriterien, zu denen unter anderem Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Genozid gehörten. Christen hätten eine besondere Verpflichtung hier wach gegenüber dem Missbrauch des Arguments der Schutzverantwortung zu bleiben. Maßgeblich bei der Beurteilung solcher Konflikte müsse immer die Gewissensentscheidung im Einzelfall bleiben.

Friedensarbeit, so konstatierte Evers am Ende seines Vortrages und nach einer engagierten Diskussion mit den Zuhörern, habe und brauche heute viele Gesichter. Der Pazifismus müsse nicht gerettet werden – er sei lebendig und stehe vor immer größeren und komplexeren Herausforderungen.

Den Vortrag als PDF herunterladen

Dieser Artikel ist erschienen in der HNA Rotenburg | www.hna.de


Artikelarchiv seit 2005

In unserem Artikelarchiv finden Sie alle Berichte aus und über Imshausen geordnet nach Jahren:

2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005


Imshäuser Gespräche

'Imshäuser Gespräche' sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Stiftung, bei der in etwa monatlicher Folge aktuelle Themen und Fragestellungen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft oder Ökumene in einer Abendveranstaltung erörtert werden.
Dazu lädt die Stiftung kompetente Personen als Referentinnen/ Referenten ein. Einem einführenden Vortrag folgt jeweils eine ausführliche Aussprache.
Innerhalb kurzer Zeit haben sich die 'Imshäuser Gespräche' zu einem beachteten und anerkannten Forum der politischen Auseinandersetzung und Meinungsbildung in der Region Nordosthessens entwickelt.



Freitag, 27. Oktober 2017, 19 Uhr | Imshäuser Gespräch
Eine filmische Annäherung an den Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007)
Film und Gespräch mit
Dr. Elisabeth Raiser
Historikerin (Berlin)
Herrenhaus Imshausen

Montag, 06. November 2017, 19 Uhr | Trott Lecture
Eine europäische Aufgabe
Vorlesung von
Marianne Birthler
Ehem. Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik


Dienstag, 14. Novermber 2017, 19 Uhr | Imshäuser Gespräch
Nach der Bundestagswahl diskutieren wir über Hintergründe, neue Herausforderungen und Aufgaben
Gespräch und Diskussion mit
Dr. Monika Hölscher, Hessische Landeszentrale für politische Bildung (Wiesbaden)
Dr. Gunnar Richter, Leiter der Gedenkstätte Breitenau und Sprecher der Hessischen Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten (Guxhagen)
Ludger Arnold, Pädagogischer Leiter der Adam-von-Trott-Schule Sontra
Visser ’t Hooft-Haus im Trottenpark, Imshausen